Die Theologie steht im Bann der Geschichtswissenschaften: Das Christentum wird als historisches Phänomen beschrieben, aber Aussagen über Gott und gegenwärtige Herausforderungen werden vermieden. Eine Wiederentdeckung der normativen Geltung kirchlicher Dogmen kann die Theologie wieder an diese Fragen heranführen.
Die evangelische Theologie setzt sich heutzutage aus mehreren Unterdisziplinen zusammen: Altes und Neues Testament, die Kirchengeschichte, die Systematische Theologie, die Praktische Theologie und oft auch die Religionswissenschaft. Jede einzelne Disziplin soll ihren Beitrag leisten, um eine umfassende theologische Ausbildung sicherzustellen. Das einende Band ist aber die Geschichtswissenschaft. Die beiden exegetischen Fächer, Altes und Neues Testament, sind von der historisch-kritischen Auslegungsmethode bestimmt: Die biblischen Schriften sollen als menschliche Texterzeugnisse aus ihrer Zeit ihrem kulturellen Umfeld heraus verstanden und ausgelegt werden. Die Kirchengeschichte legt zunehmend einen Schwerpunkt ihrer Forschung darauf, die Verflechtungen mit der Säkulargeschichte zur Darstellung zu bringen, aber sie vernachlässigt gleichzeitig die Theologiegeschichte. Auch ein Großteil der Arbeit in der systematischen und der praktischen Theologie besteht darin, die eigene Fachgeschichte zu erforschen. Oft werden die Positionen und Theologen vergangener Zeiten dargestellt. In der jüngeren Vergangenheit ist jedoch, außer einiger Wiederauflagen, keine neue Dogmatik, eine systematische Zusammenstellung der christlichen Lehren, veröffentlicht worden. Je näher die jetzige Zeit aber rückt, desto größer wird das Unbehagen des Historiker-Theologen, da sich die Gegenwart noch nicht geschichtlich betrachten lässt: Ein dichter Qualm scheint sie daher zu verdunkeln.[1]
Warum arbeitet die Theologie auf diese Weise? Die Gründe dafür sind vielfältig. Einerseits zeigt sich in ihr – wie wohl in kaum einer anderen Wissenschaft – das Erbe des 19. Jahrhunderts: In dieser Zeit bildete sich der bis heute gültige Fächerkanon heraus. Die Epoche war vom historischen Forscherdrang bestimmt: „bloß Zeigen, wie es eigentlich gewesen“[2], war der Leitspruch. Die Einflüsse der Aufklärung sind auch heute deutlich: Die menschliche Vernunft – befreit von allem abergläubischen Ballast, kann sich nun endlich dem Wesen der Dinge zuwenden. Andererseits erhofft man sich mit diesem Denken wissenschaftspolitische Vorteile. Die akademische Theologie imitiert die Arbeitsweise der objektiven Naturwissenschaften, um dem Vorwurf der dogmatischen Parteilichkeit vorbeugen zu können: Theologie erforscht das Phänomen „Christentum“ in seinen historischen Ausprägungen und seinen Fortwirkungen in die Gegenwart. Hat ein Student nach vielen Jahren den Reigen der verschiedenen Disziplinen durchlaufen, kann er sich stolz einen Experten des Christentums nennen.
Doch wo bleibt Raum für Gottes Geschichte?
Doch die Erforschung des Christentums als nur menschlichen Kulturfaktor, der das Abendland bestimmte, lässt keinen Raum, sich mit der Erzählung auseinanderzusetzen, wie Gott selbst zu dieser Welt geredet hat und wie er mit und in dieser Welt gehandelt hat. Die Theologie im ursprünglichen Sinn ihres Wortes fällt unter den Tisch. Oder ist lediglich historisiert als antiquierte Denkweise interessant. Wenn überhaupt! In meiner Studienzeit fand eine Ringvorlesung zum Thema „Von Gott reden“ statt. Die Vertreter aller theologischen Disziplinen sollten sich von ihrer Warte aus an der Gottesrede versuchen. Als der Reformationshistoriker an der Reihe war, sagte er gleich zu Beginn seines Vortrags, dass er als Kirchenhistoriker nun nicht die Theologie der Reformatoren darstellen könne, da dies seine fachlichen Zuständigkeiten überschritte. In der anschließenden Fragerunde sorgte dies bei einem älteren Emeritus doch für einige Irritationen – mehr als berechtigt.
Der gegenwärtige Blick der evangelischen Theologie ist auf die Vergangenheit gerichtet und erhofft sich davon Neutralität, um niemandem auf die Füße zu treten. Doch das trübt ihre Sicht auf die Gegenwart und Zukunft. Und nicht nur ihre Augen lassen mehr und mehr nach, sondern auch ihre Stimme verstummt: Sprachlosigkeit macht sich breit.
Aber das muss nicht so sein: In weiten Teil ihrer Geschichte bietet die Kirche kein Bild des Schweigens, sondern des Streitens um die Wahrheit. Natürlich ging es dabei nicht immer nur um dogmatische Fragen, sondern oft spielten auch politische und persönliche Motive eine Rolle. Es wäre aber falsch, ihnen jegliche theologische Bedeutung abzusprechen. Denn gerade hier setzt die eigentliche Aufgabe der Theologie an. Die biblischen Aussagen über Gottes Reden und Handeln können missverstanden werden. Deshalb braucht es immer wieder Erklärungen, die nicht nur das faktisch Gewesene feststellen, sondern die jetzt die Erzählung von Gottes Reden und Handeln gegen Missverständnisse behaupten. So wurden Dogmen zu einem grundlegenden Kennzeichen christlicher Identität. Der Kontrast zu heute könnte damit aber nicht größer sein: Das christliche Selbstverständnis dieser Zeit gilt den heutigen Historikern als nebensächliche Verirrung. So finden auch die dogmatischen Streitigkeiten der Kirche im heutigen Theologiestudium nur selten die Beachtung, die ihnen zusteht.
Die christlichen Dogmen erzählen von Gottes Geschichte
Es ist bereits angeklungen, dass Dogmen nicht zu abgehobenem Theologengezänk führen, also primär eine destruktive Wirkung entfalten müssen. Sie dienen vielmehr dazu, Antworten auf Fragen und Probleme zu geben, mit denen die Kirche sich konfrontiert sieht. In erster Linie handelt es sich dabei oft um Fragen, die in der Auslegung der biblischen Schriften entstehen. Schriftauslegung stößt die Bildung von Dogmen häufig überhaupt erst an. Es gibt einen Gott, der sich in den biblischen Schriften offenbart. Um dann die biblischen Aussagen über Gott und sein Reden und Handeln mit der Welt zu erklären, entstehen die verbindlichen Dogmen der christlichen Kirche. Eine Verbindlichkeit der formulierten Dogmen begründet sich aber allein in der Tatsache, dass sie den Aussagen der Heiligen Schrift entsprechen. So vertreten z. B. die Bekenntnisse der evangelisch-lutherischen Kirche den Anspruch, eine norma normata, eine geregelte Regel, die auf die Heiligen Schriften als eine norma normans, eine regelnde Regel, bezogen ist. Bibel und Dogmen verhalten sich zueinander wie Landschaft und Karte: Die Karte stellt die Landschaft abstrakt dar und hebt Besonderheiten hervor. Die eingezeichneten Wege helfen dem Wanderer, sich zu orientieren. Eine Karte, die die Landschaft fehlerhaft darstellt, führt den Wanderer dagegen in die Irre.
Dadurch bieten die Dogmen auch Orientierung in den Erzählungen über Gottes Reden und Handeln. Bereits die Bekenntnisse der Alten Kirche unterscheiden dies in drei Artikel: Schöpfung, Erlösung und Heiligung. Dabei berichten sie nicht nur von einem vergangenen Geschehen, sondern sprechen damit auch aus, wie Gott gegenwärtig mit den Christen umgeht. Die Dogmen können dadurch einen Weg durch den Qualm weisen, der die Gegenwart verdunkelt. Das geschieht zum einen dadurch, dass sie die verschiedenen theologischen Disziplinen zusammenführen. Gegen eine zunehmende Verselbständigung der einzelnen Fächer, die zur Folge hat, dass mehr und mehr Einzelprobleme der Geschichtswissenschaft besprochen werden, lenken sie den Blick wieder auf das Ganze: Wie stellen z. B. die Schriften des Alten Testaments die Schöpfung dar? Wie entfaltet sich die Lehre von der Heiligung in der Geschichte der Kirche?
Zum anderen schulen die Dogmen das christliche Denken allgemein. Damit befähigen sie jeden einzelnen Christen zum eigenständigen Urteil gegenüber den geistigen Bewegungen, denen er heutzutage begegnet, und helfen ihm dabei zu unterscheiden, was christlich ist und was nicht. Damit regen sie aber auch den Theologen an, sich tiefergehend damit auseinanderzusetzen, was in der Gegenwart die christliche Wahrheit unverständlich machen oder bekämpfen, und darauf zu antworten. Das ist die Aufgabe einer Dogmatik.
[1] Ein gutes Beispiel dieser Sicht findet sich bei: Lauster, Jörg: Die Verzauberung der Welt. Eine Kulturgeschichte des Christentums, München 2015, S. 599: „Zeitgeschichte, die qualmt.“ „Für eine kulturgeschichtliche Darstellung verdunkelt der Qualm die Sicht auf manche Dinge.“ „Es fehlt der Abstand der historischen Wirkung“.
[2] Ranke, Leopold: Geschichten der romanischen und germanischen Völker von 1494 bis 1514, Leipzig 1824 S. VII. Ranke weist mit diesem Anliegen darauf hin, dass er die Geschichtswissenschaft gerade nicht betreibt, um „die Mitwelt zum Nutzen zukünftiger Jahre zu belehren.“
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