“Once there was no secular” – einst gab es kein Säkuläres – lautete der erste Satz des Buchs Theology and Social Theory, das der englische Theologe John Milbank 1990 veröffentlichte.[1] Hinter dem unscheinbaren Titel versteckte sich ein veritabler Großangriff auf die liberale (Post-)Moderne, die sich in Philosophie und den Sozialwissenschaften etabliert hatte – und heute wirkmächtig auf Speed operiert.
Milbank porträtierte im Buch den Säkularismus als eine Fehlentwicklung, die einst durch die Theologie selbst hervorgebracht wurde. Auf der Grundlage von Augustinus legte er einen ontologisch basierten Gegenentwurf vor: postmodern critical Augustinianism. Der erlaubte alle Lebensbereiche theologisch neu zu fassen.[2] Der 1998 erschienene Sammelband Radical Orthodoxy: A New Theology mit Beiträgen von Catherine Pickstock, William Cavanaugh und vielen anderen markierte den Beginn einer kollaborativen Rekonstruktions-Bewegung, die inzwischen in die fünfte Theologen-Generation geht und Postliberalismen auf beiden Seiten des Atlantiks prägt. Teils wird RO auch „Cambridge School“ genannt und es gibt Anschlussbewegungen wie die New Trinitarian Ontologies (mehr hier, hier und hier).
Radikale Orthodoxie: das ist der dissidente Mainstream der angelsächsischen Theologie, die „häretische“ Normalität, eine anti-moderne und deshalb bessere Moderne – oder eben konservative Revolution der Theologie. Diese hegelsche Logik, über das eigene Gegenteil zu einer besseren Version seiner selbst zu gelangen durchzieht alle Thematiken, die Radical Orthodoxy anpackte: sie restaurierte Politik über die Kirche, Vernunft über den Glauben, Naturwissenschaft über die frühneuzeitliche Magie, Wirtschaft über Mechanismen des Geschenks, Technik über Kunst, Musik über Metaphysik, Erotik über Sehnsucht nach dem Göttlichen usw.
Politisch tendieren die Haupt-Protagonisten dieser weitgefächerten Bewegung eher in Richtung eines linken Kommunitarismus. Meines Erachtens wäre aber die ursprünglich romantische, individuierte, aber trotzdem staatsbeanspruchende Tendenz herauszuheben. Mehr dazu später.
Genealogie der Moderne
Aber erstmal: Worum geht’s genau? Die säkuläre Moderne ist für RO eine Fiktion, die ohne Verankerung in Gott ins metaphysische Nichts abdriftet. Dadurch wird menschliches, natürliches Leben pervertiert. Das Denken wiederum wird regelrecht verkappt und verödet schließlich. Die Moderne selbst ist sich nicht mal ihres Fundaments sicher, sie muss ständig neue Mythen generieren oder sich parasitisch religiöser Versatzstücke bedienen (wenn z. B. Julia Kristeva das NT liest). Kurz: ohne Gott zerfällt alles in nichts, denn es leidet an einer privatio boni, dem Mangel am Guten, wie Augustinus das Böse definierte.
Statt bloßer Nostalgie war nun gerade die Postmoderne ein ideales Moment für das radikal-orthodoxe Großprojekt: erstens bot sie im Zuge Nietzsches und Foucaults die Methode der Genealogie: aber als konstruktive Möglichkeit, eine positive, alternative Tradition des Christentums zu entwickeln. Zweitens waren die postmodernen Rive gauche-Philosophen wie Foucault und Derrida längst selbst bei der Metaphysik gelandet – für eine postliberale Theologie die Methode der Wahl.
Der postmoderne Kollaps aller Metanarrative war der Moment, um den göttlichen Logos selbst als ultimatives, lebendiges Sprachspiel ins Feld zu führen und zu sehen, wie weit das trägt. So ließ sich ein alternativer orthodoxer Kanon, und letztlich, wie RO betont, ein christliches humanistisches Denken freilegen.[3] Zu den Champions dieses neuen Kanons gehören neben dem erwähnten Augustinus die Neoplatoniker, Thomas von Aquin, Nicolaus von Kues, einige Autoren des deutschen Idealismus (Hamann, Jacobi, Schelling), die nouvelle théologie, besonders Henri de Lubac, auch Impulse von Benedikt dem XVI., sowie orthodoxe Sophiologen und diverse literarische Referenzen.
Säkularisation ließ sich laut Milbank und Catherine Pickstock auf die Theologie des Duns Scotus im 13. Jahrhundert zurückführen.[4] Scotus entwarf erstmals eine Philosophie ohne Theologie. Und er verwendete den Begriff des „Seins“ gleichlautend, univok auf Gott und alle anderen Dinge: Gott wurde eins von vielen Dingen (univocity of being wurde Teil des RO-Jargons). Ein Nominalismus, der sich von der platonischen Ideenwelt losgesagt hatte, bestimmte in dieser Lesart auch die Reformation. So entstand die säkulare Sphäre, die heute irgendwie „realer“ unter der „Religion“ zu liegen scheint. Die Linie vom Nominalismus zur Reformation, dann paradoxerweise gestützt von der tridentinischen Gegenreformation, wird dann weiter gezogen zur immanenten, teils verzaubertem „Natur“ der Frühmoderne. Letztlich führt sie zur Soziologen-Idee einer „Gesellschaft“, die nur auf arbiträre Impulse des Menschen zurückgeführt wird (Durkheim, aber auch Joseph de Maistre) und degeneriert dann in den Differenzen der Postmoderne. Das Säkuläre ist geprägt von einer Natur „für sich“, und die wird beherrscht von einem richtungslosen Willen bis hin zum puren Machtwillen. Dualismus und Monismus oszillieren dann. Ein Effekt davon ist, dass das Eine, das Ganze und die Vielen nicht mehr vermittelt werden können, was unter anderem auch zum Verlust des Verständnisses von Repräsentation führt.
Ontologie des Friedens
Laut Milbank wurde Politik in der liberalen Tradition auf den reinen individuellen Vertragsakt reduziert. Damit verloren organische, prä-politische Gemeinschaften, überhaupt zwischen Staat und Individuum vermittelnde Institutionen wie die Zünfte, Gilden usw. ihre eigenständige Rolle. Stattdessen dominiert was Milbank eine „Ontologie der Gewalt“ nannte: letztlich nur noch ein dunkler Grund aus zielloser Differenz. Sie generiert arbiträre Macht, Wettbewerb, Beliebigkeit. Zugleich, wie Milbank es ausdrückte, „bewachte“ die säkuläre Sphäre „das Sublime polizeilich“ (policing the sublime) um die Religion zu neutralisieren. In den letzten Jahren ist der Ton dahingehend rauher geworden: man spricht vorwurfsvoll von der Instrumentalisierung der Religion für dieses und jenes, oder von „Pseudotheologie.“
Bei Augustinus von Hippo, konkret im Gottesstaat, jedenfalls fand Milbank eine Alternative. Indem Augustinus hier die Geschichte von der civitas Dei erzählte, überbot er narrativ die Mythen Roms und dessen Ontologien der Gewalt. Grundlegender war die Ontologie des Friedens, ein harmonisches, versöhntes Sein und Werden. Das war der theologiegeschichtliche Ausgangspunkt von RO.
Den philosophischen Kettfaden für die Alternativen zum nihilistischen „Drift“ der Moderne bot ein Begriff Platons: methexis, Partizipation oder Teilhabe. Alles Seiende, die gesamte Schöpfung, hat Anteil an Gott, dem kreativen Sein an sich. Gottes Schaffen sichert ihm, qua bleibender kausaler Verbindung, ewige Urheberrechte; er ist eine vertikale Kausalität. Zugleich strebt alles vergänglich Seiende auf das (neue) Sein in der ewigen Fülle dieses dreieinigen Gottes hin.[5]
Natur als Vermittlung des Göttlichen
Durch die Brille der methexis wird alles Natürliche als geistiges, religiöses Phänomen erhellt. Speziell mit den Gegenaufklärern Hamann und Jacobi argumentierte Milbank schon früh, dass „die Wahrheit der Natur in ihrem übernatürlichen Verweischarakter liegt und dass die Vernunft deshalb nur wahr sein kann, sofern sie um die theoretische und praktische Anerkennung dieser [übernatürlichen] Voraussetzung bemüht ist.“ Im neuzeitlichen Rationalismus dagegen werde nur das als „wirklich“ akzeptiert, was vollkommen verstanden werden kann. Das natürliche, verzauberte Objekt versinkt dadurch, so dass die Naturwissenschaften de facto ihren eigenen Gegenstand verlieren. Man erinnere sich nur an die Corona-Zeit: Wissenschaftler beforschten da fleißig die Auswirkungen der Maßnahmen auf Kinder. Aber zu diesem Zeitpunkt war die Vorstellung von dem, was ein Kind eigentlich ist, vielerorts offensichtlich schon verlorengegangen.
Der Lutheraner und Gegenaufklärer Georg Friedrich Hamann habe nun die im göttlichen Sein ruhende „Tiefe“ aller Dinge und Wesen erkannt.[6] Für Hamann ordnete sich alles durch die vollständige Herablassung Gottes in die Welt: die Welt ist durch Gottes Wort konstituiert und rhythmisch, musikalisch, sinnlich erfahrbar. Wie es im Psalm 19 heißt, den er auch zitiert: „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Feste verkündigt seiner Hände Werk. Ein Tag sagt’s dem andern, und eine Nacht tut’s kund der andern, ohne Sprache und ohne Worte; unhörbar ist ihre Stimme.“ (Ps. 19, 2-4) Die Dinge vermitteln hier einander und sind selbst Medien Gottes, die ganze Wirklichkeit als Schöpfung vermittelt Gott.
Allein daran sieht man, dass Glaube und Vernunft gar nicht zu trennen sind. Die Vernunft, durchaus vom Sündenfall korrumpiert, ist aber auch „von der Inkarnation transformiert“ (Milbank). Sie kann, muss deshalb im Glauben wieder zu neuer Größe kommen. Sie funktioniert, findet überhaupt erst ihre Richtung durch ihr Sehnen nach dem Göttlichen, durch die Intuition, durch Vorstellungskraft, die immer ins Unbekannte aufbricht.
„Was ist Wahrheit?“, fragt Pilatus und wandte sich dann von der fleischlichen Wahrheit, dem misshandelten Christus, vor ihm ab. Ganz anders operierten, wie Milbank zeigt, die drei Weisen aus dem Morgenland: sie folgten Legenden, den Bildern von einem Stern, einer kommenden Geburt. Das waren erstmal ästhetisch anziehende Bilder, denen sie im Grunde völlig „unverantwortlich“ folgen.[7] Sie verließen ihren eigenen König, setzten den Kindermord von Bethlehem in Gang und fanden am Ende nur ein Baby. Gute Absichten, überhaupt Annahmen sind, so Milbank mit Hamann, nutzlos: „Doch trotz ihres offensichtlichen Versagens, die Wahrheit zu tun oder zu erkennen, werden die Weisen durch den Glauben gerechtfertigt. Denn im Gegensatz zu Pilatus haben sie gelebt, einzig und allein um die Wahrheit zu erkennen, und sind dadurch Teil der Geschichte dieser Wahrheit und ihres Zeichens geworden.“[8]
Für Milbank waren Hamann und Jacobi sowohl „konservative Revolutionäre“[9] als auch Vordenker der Radical Orthodoxy par excellence. Gegen die Aufklärung boten sie eine bessere, humanere Aufklärung.[10]
Dass Ernst Jünger ein Zitat von Hamann an den Beginn seines Abenteuerlichen Herzens stellte, ist nur logisch. Die Magie der Natur und einer anderen, auch inneren Welt durchzieht ja Jüngers Buch. (Auch er notierte melancholisch, dass die moderne Zoologie zuerst ihren Gegenstand töten muss.)
Kirche: friedliche Transmission
Ist einerseits das Materielle viel geistiger, letztlich unendlicher als gemeinhin angenommen, so ist andererseits das Geistige nur in seiner weltlichen Verkörperung und liturgischen Anbetung real.[11] Die Kirche antwortet im Geist auf den Sohn Gottes. Dadurch wird sie unabdingbar. Wie Milbank 2019 schrieb:
Fehlte diese ewige Antwort [der Kirche, TF], dann würde auch der Sohn als Bild fehlen. Denn ein Bild ist nur das Bild eines Ursprungs, wo es in einen dritten offenen Raum tritt, wie eine Statue, die auf einer Lichtung aufgestellt ist. Ohne die Lichtung, ohne die Sichtbarkeit, ohne die Reaktion der Betrachter wird die Statue unsichtbar, ist praktisch nicht mehr da; sie wird zurück in den dunklen Ursprung dessen gesogen, was sie darstellt: den verlorenen und unsichtbaren Gott, der nur in dieser Darstellung ontologisch verwirklicht ist. Denn nichts existiert überhaupt, was nicht auch manifest ist.[12]
Keinesfalls ist die Kirche also einfach Sozialstation, NGO oder bloße Utopie. „Die Kirche ist nur deshalb Kirche, weil sie den Leib Christi in sich aufnimmt und zu ihm wird und sein irdisches Wirken neu artikuliert. (1 Kor 10,16-17).”[13] Sie antwortet auf ein ewiges, ontologisches Geschenk, das verspricht, sich stetig weiter zu schenken: “Denn Leib und Blut Christi existieren nur in Form einer Gabe, und sie können (wie jede Gabe) nur als Spuren des Gebers und als Verheißung künftiger Versorgung aus derselben Quelle eine Gabe sein.“[14] Kirche ist eine Art „ideale Transmission“ durch die Zeit, also das saeculum. Das Ritual, die Eucharistie selbst verhindert laut Milbank sogar eine „Definition“ von Kirche, weil es die Kirche von sich selbst distanziert.[15] In dem Sinne, schreibt Milbank, „ist“ die Kirche nicht, sondern war und wird sein. Statt einer „Definition“ im Sinne eines idealen „Standards“ formiert sich die Kirche in Myriaden von Mikro-Enklaven, gelungenen Akten der Liebe. Es ist eine rituell ausgeführte Erzählung, an der alle Glieder beteiligt sind.[16] Und die korrigiert sich historisch auch immer wieder selbst: semper reformanda.
Politik als Problem
Vor diesem Hintergrund diente Milbanks Rezeption von Augustinus der radikalen Dekonstruktion des modernen Staates, vor allem des neoliberalen Staates nach Reagan und Thatcher, später des bürokratischen Marktstaats und seinen Mutationen. Aus dem Buch XIX. von Augustinus Gottesstaat übernahm er eine Definition von Staat, die menschliche iustitia von der iustitia Dei abhängig macht. Und wenn Gottes Gerechtigkeit im Staat nicht anwesend ist, dann ist er nichts, null, ungerecht. Dasselbe gilt für die paganen „Tugenden“: ohne Gott werden sie zu Lastern.
In institutioneller, politischer Hinsicht hat Milbank von der Kirche als einer konkreten, globalen cosmopolis gesprochen.[17] Mit Augustinus verortete er das Politische dann innerhalb der civitas Dei:
Das Kennzeichen dieser Innerlichkeit ist die „Ordnung“ weltlicher Kompromisse hin zu himmlischer, kompromissloser Nächstenliebe, und das bedeutet, dass der Kaiser oder König in dem Maße, in dem er in einer Hinsicht nicht innerhalb der Kirche handelt, ungerecht ist, da die Definition von Gerechtigkeit nun paradoxerweise darin besteht, die Gerechtigkeit in Richtung einer liebevollen Ordnung zu überschreiten.[18]
Noch politisch dekonstruktiver argumentierte z. B. William T. Cavanaugh gegen die Vorstellung, der moderne Staat hätte „Religionskriege“ beendet. Gerade der frühmoderne Staat habe er sie überhaupt erst heraufbeschwört. Die Schaffung des Gewaltmonopols habe Gewalt geradezu befeuert. Der moderne Staat sei eine „säkuläre Parodie“ der Kirche, eine „falsche Kopie“. Im Inneren würde der Staat nur ziellosen Individuen ihre subjektiven Rechte sichern; nach außen brauche er Gewalt um intern eine falsche Einheit zu erzielen „für eine Gesellschaft, der es an einem wirklichen sozialen Prozess mangelt.“[19]
Man merkt bis heute: RO hat einen idealistisch-skeptischen Hang, das Staats-Kind mit dem anti-liberalen Badewasser auszuschütten.[20]
Postliberalismus
Ich hatte es erwähnt: Radical Orthodoxy und ihre Ausläufer sind längst kein Arkanum mehr. Vom anglophonen Mainstream wird RO als Teil der großen Postliberalismus-Bewegung gesehen. (Daran sieht man auch: zwanzig, dreißig Jahre metapolitische Arbeit machen den Unterschied).
Die Postliberalen in Amerika: dazu gehören grassroots-Populisten, Nationalkonservative (NatCons), katholische Konservative wie Patrick Deneen und Adrian Vermeule. Bei allem traditionalistischen Anlauf bestehen bei ihnen aber weiter Abhängigkeiten, sie kollaborieren mit dem aggressiven, jetzt wieder defensiv-expandierenden Spät-Imperium.
Diesseits des Atlantiks entstand im Anschluss an RO die Blue Labour-Bewegung, ein linker Konservatismus. Von der Gegenseite kam die Red Tory-Bewegung, die zeitweise einigen Einfluss auf David Cameron hatte. Milbank und Adrian Pabst sind zumindest ihrer anti-liberalen, moderne-kritischen Sicht auf den Staat treu geblieben. Die NatCons sieht Milbank als „Individualismus großgeschrieben auf globaler Ebene“; Pabst kritisiert das Oszillieren zwischen Anti-Liberalismus und wirtschaftlichem Ultra-Liberalismus. Allerdings: auch die lokal-kommunitaristischen Postliberalen bräuchten letztlich den Staat für ihre Vision. Jan-Werner Müllers Verdikt im London Review of Books lag deshalb nicht ganz daneben: die Postliberalen sind entweder „pernicious“, zerstörerisch, oder „powerless“, machtlos.[21]
Dennoch: es gibt einen dritten Weg, der fast vergessen am Anfang der Radical Orthodoxy steht. Milbanks Projekt wurde in den späten 1980ern vom Christendom Trust finanziert. Der ging zurück auf die Christendom Group: eine modernistisch-konservative Restorations-Bewegung in England, die ihre Hochzeit zwischen den 1920ern und 1940ern hatte. Dazu gehörten Leute wie Maurice Reckitt, William G. Peck, Gilbert Keith Chesterton, T.S. Eliot, teilweise aktiv unterstützt vom Erzbischof von Canterbury.[22] Die Gruppe stand für die Rückkehr zur Natur, zur Gemeinschaft, der Restoration des Christendom, der auch politischen Christenheit. Schaut man auf die derzeitige politische Dynamik in England, scheint genau das the order of the day. Aber auch hierzulande. Daher zuletzt die Frage:
Radikale Orthodoxie: Warum nicht hier?
Schaut man auf die theologischen Fakultäten, dominieren die liberalen Schulen, die sich natürlich von antiliberalen Ideen distanzieren. Konservative, auch progressive, sind in der Minderheit und encrypten ihre Ansichten tendenziell. Auf institutioneller Ebene trägt die Trennung von katholischen und evangelischen Fakultäten zur Zersplitterung der Kräfte bei.
Nun kann man Kräfte bündeln. Netzwerke gibt es, der europäische und amerikanische Austausch ist rege. Mit vielen Autoren, noch unübersetzt oder vergessen, sind wir der angelsächsischen Welt sogar voraus. Eine deutschsprachige RO-Genealogie könnte sich z. B. auch die lutherische Orthodoxie vornehmen, Paul Gerhardt oder den philosophus teutonicus Jakob Böhme, dazu Paul Althaus und Werner Elert. Aus katholischer Sicht hatte z. B. Daniel Zöllner schon 2023 eine trinitarische Ontologie nach Klaus Hemmerle eingefordert. Fun fact: Hemmerles Trinitarische Ontologie war die Inspiration für die New Trinitarian Ontologies-Bewegung gewesen. In dasselbe prä-kantianische Horn wie die RO stößt auch Sebastian Ostritsch mit seinem neuen Buch zu Thomas von Aquins Gottesbeweisen. Auch er sieht das Mittelalter als „helles“ Zeitalter. [23] Für die Theologie immer essenziell, haben wir einen eigenen Literaturkanon (ich hatte schon Ernst Jünger erwähnt). Und eigene Probleme sowieso.
Kurz und gut: eine radikale Orthodoxie ist auch hierzulande schon subkutan vorhanden. Sie könnte in Zukunft weiter neue Traditionslinien ziehen und aktuelle Denker zusammenführen. Jenseits der Konsenskathedrale wäre sie allerdings – das Wortspiel muss sein! – wohl eine „rechts-radikale“ Orthodoxie.
[1] John Milbank, Theology and Social Theory, 2nd ed. (Oxford: Blackwell: 2006).
[2] https://www.cambridge.org/core/journals/modern-intellectual-history/article/theology-the-fairy-queen/102FDDBB749B5D515CC844C0E6FFC9F4
[3] (Neo-orthodoxe wie Karl Barth wurden angeblinkt, allerdings als zu dialektisch stürzend).
[4] Jonathan David Lyonhart, ‚Scotus, Aquinas, & Radical Orthodoxy: Using the Law of Non-Contradiction to Reframe the Univocalist Debate‘, Religions (Basel, Switzerland ), 2024-08, Vol.15 (8), p.994
[5] So erklärt Adrian Pabst es in Metaphysics: The Creation of Hierarchy (Wm. B. Eerdmans, 2012) mit Thomas von Aquin. Zu Paulus‘ Verständnis von Relationalität, das an Platons methexis erinnert: https://www.die-bibel.de/ressourcen/wibilex/neues-testament/platonismus Paulus verwendet koinonía.
[6] John Milbank, ‘Knowledge. The theological critique of philosophy in Hamann and Jacobi’, in Radical Orthodoxy: A New Theology, Hrsg. John Milbank, Catherine Pickstock, Graham Ward (London, New York: Routledge, 1999), S.
[7] Milbank, ‘Knowledge’, S. 28.
[8] Ibid.
[9] Ibid, S. 23.
[10] Damit weicht Milbank z. B. von Isaiah Berlin ab, der die Gegenaufklärer als Proto-Faschisten darstellte. Isaiah Berlin, Three Critics of the Enlightenment: Vico, Hamann, Herder, Hrsg. Henry Hardy (Princeton: Princeton University Press, 2000).
[11] Dieses Ineinander-Liegen der Gegensätze übernimmt Milbank nicht so sehr von Hegel, sondern von Nikolaus von Kues.
[12] Milbank, ‘Trinitarian Theology and Metaphysical Categories’, Manuskript, New Trinitarian Ontologies Conference, Cambridge University, 2019.
[13] Vgl. 1 Kor 10, 16-17 „16 Der Kelch des Segens, den wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi? 17 Denn ein Brot ist’s. So sind wir, die vielen, ein Leib, weil wir alle an einem Brot teilhaben.“
[14] “For the body and blood of Christ only exist in the mode of gift, and they can be gift (like any gift) only as traces of the giver and promise of future provision from the same source.” John Milbank, The Future of Love: Essays in Political Theology (London: SCM Press, 2009), S. 133.
[15] Milbank, The Future of Love, 133.
[16] Vgl. Milbank, ‚Enclaves, or: What is the Church’, in: John Milbank, The Future of Love: Essays in Political Theology (2009).
[17] Milbank: Beyond SecularOrder: The Representation of Being and the Representation of the People (Malden: Wiley Blackwell, 2013), S. 230.
[18] Milbank: Beyond Secular Order, S. 229; The mark of this interiority is the ‘ordering’ of worldly compromise towards celestial uncompromised charity, and this means that, just to the degree that the emperor or king does not operate in one respect within the Church, he is unjust, since the definition of justice is now paradoxically the exceeding of justice in the direction of charitable order.
[19] William T. Cavanaugh, ‚The City. Beyond secular parodies’, in: Radical Orthodoxy: A New Theology, S. 181-200, S. 194.
[20] Anekdotisches: Catherine Pickstock beschwerte sich im Herbst 2019 in einem Vortrag über den agonistischen Wettbewerb zwischen Renaissance-Architekten über bewaffnete Polizisten, Staatsdiener, vor der Osttür der Baptistei des Duomo in Florenz. Nur: im April desselben Jahres hatte Notre Dame gebrannt. Es zeugte von Blindheit, den Zusammenhang nicht herzustellen.
[21] Jan-Werner Müller, ‚ Caesar wept: Trolling the Libs’, London Review of Books, 4 Dezember 2025.
[22] Philip M. Coupland, ‚Anglican Peace Aims and the Christendom Group, 1939-1945’, in: God and War: The Church of England and Armed Conflict in the Twentieth Century, Hrsg. Stephen G. Parker und Tom Lawson (Farnham, Burlington: Ashgate, 2012), S. 99 – 120.
[23] Sebastian Ostritsch, Serpentinen: Die Gottesbeweise des Thomas von Aquin nach dem Zeitalter der Aufklärung (Berlin: Matthes & Seitz, 2026).
Bild © Peter Feiler, Jacob fights with the Angel, 2021-2023. Alle Rechte vorbehalten.

