Der Nova-Effekt
Wenn ein Komet in die Erdatmosphäre eintritt, beginnt er zu glühen. Es ist ein Naturschauspiel, wenn er in tausende von Stücken zerbricht – ein Feuerwerk für die Augen. So ist das christliche Abendland zerbrochen.[1] Es war ein faszinierendes Ereignis – ein Feuerwerk der Ideologien und Sekten. Auch die mittelalterliche Kirche wurde auseinandergerissen. Aus ihren Körpergliedern bauen sich ironische Zeitgenossen noch immer ihre Bricolagen.
Am Anfang war das Zerbrechen aufregend und befreiend. Die Rebellion gegen die tyrannenhafte Mutter hatte auch einen Kitzel der Abenteuerlust. Doch diese Zeiten sind lange vorbei. Der Komet ist verglüht. Die Ironie weicht der tiefen Resignation und der Gleichgültigkeit. Die einzelnen Bruchstücke ergeben kein Gesamtmuster mehr. Die Dekonstruktion erschien sinnvoll, so lange noch das lebendige Ganze sichtbar war. Alles Parasitäre stirbt mit dem Verzehr des Lebendigen.
Schon im 18. Jahrhundert spürten die Romantiker, dass sich die instrumentelle Vernunft durch den Verriss des organischen Horizontes selbst die Augen aussticht. Aus ihren Kreisen ging ein Magier hervor, der sich in guter Absicht anmaßte, die Gesamtsynthese vorzulegen, um Religion und Wissenschaft zu einem gnostischen System zu verschmelzen.
Der Magier: Georg W. F. Hegel
Die Philosophie solle der Form der Wissenschaft näherkommen, die Liebe zur Weisheit (philosophia) solle in wirkliches Wissen (gnosis) verwandelt werden.[2] Es wäre unfair, Hegel für seine totalitären Kinder verantwortlich zu machen. Doch bereitete er den stählernen Käfig für die blutrünstigen Ideologien des 20. Jahrhunderts vor. Aus idealistischen Absichten, die auseinanderbrechende Welt zusammen zu halten, erhob er sich selbst zu einem, der die gesamte Wirklichkeit überblickt wie ein mystischer Seher. Das Ergebnis war die menschliche Hybris des totalen Wissens, die sich aber aufgrund von ständigem Versagen in immer größeren Kontrollwahn steigerte. Die Tragik des historischen Bösen besteht in der Intention des Guten.
Moderne Philosophen haben Hegel als größenwahnsinnig ad acta gelegt. In der Spätmoderne meinten viele, dass der Mensch sich mit den Bruchstücken zufriedengeben solle; die großen Erzählungen und Bilder hätten ausgedient.[3] Doch das entspricht nicht der menschlichen Wirklichkeit. Wir haben überlebt, indem wir die großen Horizonte nach Gefahren und Chancen abgesucht haben.
Wenn Hegels Intuition in die richtige Richtung wies, ich mich aber nicht in sein gnostisches Gestell einfügen möchte, welche Alternative habe ich dann?
Konvergenz der Blickrichtungen
Wenn die Kinder aus dem Elternhaus ausgezogen sind, beginnen sie ihre Kindheit in einem ganz anderen Licht zu sehen. Wie die erwachsenen Kinder, so auch Akademiker aus verschiedenen Disziplinen. Ihre analytische Vernunft hat Bruchstücke aus dem Ganzen herausgebrochen und seziert. Am Anfang war dieser Prozess befreiend und auch erkenntnisreich. Doch dann begannen sie, die Abwesenheit eines größeren Horizonts zu fühlen. Diese Leere wurde temporär von immer wieder neuen, sich gegenseitig ablösenden Paradigmen befriedigt. Die zerbrochenen Horizonte konnten aber nicht von magischen Sehern wiederhergestellt werden.
Ein leises Flüstern, kaum hörbar, dringt trotzdem durch verschlossene Türen an die Öffentlichkeit. Gerade die gründlichsten Denker in den einzelnen Disziplinen stoßen auf die überraschende Erkenntnis, dass die jugendliche Überheblichkeit über das elterliche Zuhause Dummheit war. Teenager-Rebellion ist verständlich. Doch wenn sie sich verstetigt, kippt sie ins Pathologische.
Die Philosophie kehrt also zurück in die Arme ihrer Mutter, die Religion. Die griechische Entwicklung vom Mythos hin zum Logos[4] ist eine Illusion. Der Mythos bleibt als die bestimmende Orientierung. Nietzsche als ein Schüler der Romantiker und Hans Blumenberg[5] haben es auf eindrückliche Weise dargestellt. Die französischen Schüler von Nietzsche haben diese Einsicht verinnerlicht und minderwertige Mythen gesponnen. Ich habe Respekt vor der intellektuellen Redlichkeit von Habermas, der verspätet zugab, dass sich die neuzeitliche Vernunft immer noch aus tieferen theologischen Quellen speist.[6] Seit den 1970-ern erlebt Theologie eine Renaissance in der analytischen und politischen Philosophie. Diese Entwicklung ist auch bei den Theologen selbst angekommen. Die ersten befreien sich schon aus dem stählernen Käfig, in welchen sie sich selbst gesperrt hatten.[7]
In den Neurowissenschaften setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass die narrative Struktur grundlegend für die menschliche Orientierung in Raum und Zeit ist. Wissenschaftliche Praxis ist in diese eingebettet und kann sich nur auf Kosten der eigenen Vernichtung von diesem Hintergrund lösen. Iain McGilchrist hat sowohl evolutionsbiologisch als auch neurowissenschaftlich veranschaulicht, dass die zwei Gehirnhälften unterschiedlich die Welt wahrnehmen. Die analytische Wahrnehmung kann also gar nicht von der intuitiv-ganzheitlichen getrennt werden.
Erstaunlicherweise erwacht gerade in der reinsten Naturwissenschaft ein neues Interesse an der Religion: in der Physik. Je tiefer die Physiker in die Natur der Materie eintauchen, desto mehr scheint sich die Natürlichkeit der Materie aufzulösen. Berühmte Nobelpreisträger haben betont, dass Physik, genauso wie die Religion auf die metaphorische Sprache zurückgreifen muss, um die Welt in ihrer tiefsten Struktur zu verstehen.[8]
Diese erstaunlichen Konvergenzen bohren kleine Löcher durch den stählernen Käfig des sich alternativlos gebärdenden immanenten Rahmens. Durch diese Löcher scheint das Licht der Offenbarung und lässt die gesamte Wirklichkeit in einem neuen Glanz erstrahlen.
Zum archimedischen Ausblick
Archimedes verlangte bekanntlich nach einem festen Punkt außerhalb des ruhenden Körpers, um ihn zu heben. Wo ist heute der Punkt für uns, von dem aus wir größere Horizonte erblicken können? Und welcher ist der Hebel, durch welchen wir die Welt verändern können? Für Hegel war es die gottgleiche Selbsttranszendierung und der Hebel seine gnostische Dialektik.
Dagegen ist der Christ hineingestellt an einen konkreten Standort. Gott selbst hat sich in eine partikulare Zeit und Kultur inkarniert. Das Universelle erschließt sich vom konkreten Punkt. Und doch sieht der Christ im Glauben über den partikularen Standpunkt hinaus. Diese Momente der größeren Horizonte eröffnen sich ihm in der Anbetung, vermittelt durch die Sakramente. Christen haben eine Intuition, dass sie das auseinanderstrebende Universum nicht durch ein spekulatives System zusammennageln können, und ein tiefes Vertrauen auf denjenigen, der alles in seiner Hand hält.
Das Verstehen der Geschichte und Gesellschaft aus der Erleuchtung der christlichen Offenbarung ist wie das kurze Erblicken der Landschaft auf dem Berggipfel. Ich möchte diese weiten Horizonte konservieren und am besten über allem schweben wie der Geist Gottes über der ungeformten Schöpfung. Doch muss ich vom Berg herunter in das konkrete, menschliche Sein. Den festen Punkt der Erkenntnis gibt es nicht. Es gibt einen Moment der Hin-gabe, aus dem heraus mir ein größerer Horizont geschenkt wird. Abgewandelt nach Hans Urs von Balthasar, ist der Anfang des Sehens das Herausgerissen-Werden.[9]
Wir sehen vom Ende her. Die Bestimmung des Menschen ist es Gott in der Ewigkeit anzubeten und sich an seiner Herrlichkeit zu erfreuen. Von diesem eschatologischen Punkt aus erblicke ich kontinuierliche Muster in der Geschichte und Gegenwart.
Sehen und erneuern
Der Mensch orientiert sich in Raum und Zeit durch den Mythos. Der Mythos wird in den Körper eingeschrieben durch den Ritus. Mythos und Ritus sind basale Vermittlungstechniken. Jede Zivilisation zentriert sich um einen sakralen Kern: Die Weltachse, die axis mundi,[10] verbindet alles zu einem sinnstiftenden Horizont. Diese Weltachse legitimiert sich aus einer gemeinsamen Metaerzählung. Sie nimmt zwar in jeder Religion und jeder Zivilisation eine andere Form an. Aber Durkheims Beobachtung für die Aborigines in Australien[11] ist ein Grundmuster: Durch die Opfer der Gläubigen wird die Energie zentriert und entlädt sich auf die Peripherie. Alle gesellschaftlichen Institutionen werden durch dieses sakrale Zentrum begründet und durch den Ritus mit neuer Energie aufgeladen.
In der Bibel wird die gleiche Logik ersichtlich. Jahwe ist das Zentrum allen Seins. Er ist der souveräne Schöpfer. Die richtige Anbetung als angemessene Antwort auf seine Herrlichkeit ist die Bestimmung aller Menschen. Die Anbetung umfasst das Warum (Mythos), das Was (Ritus) und das Wie (Alltagsethik). Wenn diese Stimmigkeit verzerrt wird, kommen die Propheten auf den Plan und prangern die falsche Anbetung an. Die Konsequenz für die falsche Anbetung ist der gesellschaftliche Chaos, viel Schmerz, Leid und Tod.
Was ist die Konsequenz für Kirche und Theologie heute?
Die Erneuerung der Kirche passiert aus der Ausrichtung auf den dreieinigen Gott. Indem sie sich von der Welt abwendet, wird sie die Welt zufällig von den Götzen erretten, die sie in Stücke reißen.
Der dreieinige Gott hat sich in Christus für die Menschen geopfert. Dagegen fordern die Götzen immer nur Menschenopfer. Der arische Nationalkörper forderte Menschenopfer der minderen Rassen. Im Namen der vergötterten klassenlosen Gesellschaft wurden Millionen Menschen vernichtet. Wir sind dabei, uns wieder einer Naturgottheit zu opfern. Wir beginnen schon mit Kinderopfern. Kinder sollen gar nicht erst geboren werden, damit sie die Luft der Naturgottheit nicht verpesten.[12] C. S. Lewis hat es prophetisch vorhergesagt: Die Natur sei unsere Schwester. Wenn wir sie zu unserer Mutter erheben, werde sie zu einer brutalen Stiefmutter.[13]
Die Deutschen marschieren wieder ganz vorne mit beim Götzendienst. Zuerst opfern sie ihre Wirtschaft, um die Mutter Natur gütig zu stimmen. Aber das ist menschenfeindlich, denn die Vernichtung der Lebensgrundlagen trifft immer zuerst die Schwächsten und Ärmsten.
Die Kirche sollte aufhören sich an solche Götzen zu prostituieren. Die Theologie sollte sich von der Kette der Kantischen Vernunft losreißen, denn ihr Anfang und Ziel ist die Anbetung des dreieinigen Gottes.
Unsere gegenwärtige gesellschaftliche Ordnung zentriert sich um die Menschenwürde. Die Menschenwürde ist aber verwurzelt in der Ebenbildlichkeit Gottes, die durch die Eucharistie erfahrbar wird. Das Beste, was Christen dieser Welt schenken können, ist es, sich Gott komplett hinzugeben. Im Gotteslob werden sie die weitesten Horizonte erblicken und mit der Liebe erfüllt um für das Gute, Schöne und Wahre persönliche Opfer zu bringen. Sie werden aufhören Tugend zu signalisieren oder, wie die Pharisäer, Opfer von anderen zu verlangen, die sie selbst nicht bringen.
Die Wirklichkeit Gottes lässt sich nicht greifen und kontrollieren. Der Geist weht wo er will. Aber er weht, und sein Atem haucht der gesamten Schöpfung neues Leben ein.
Oleg Dik ist Professor für urbane Theologie und Soziologie an der Evangelischen Hochschule Tabor, Marburg, und doziert gelegentlich an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Habilitationsschrift Worship or Suicide: On Paradox between Religion and Society (Wipf & Stock, 2025) wird derzeit ins Deutsche übersetzt.
Bild: Peter Feiler, ohne Titel (Detail), 2022. Alle Rechte vorbehalten.
Anmerkungen
[1] Dies ist die These von Charles Taylor, in A Secular Age.
[2] Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes, S. 14.
[3] E.g. Francois Lyotard, La condition postmoderne: Rapport sur le savoir.
[4] Wilhelm Nestle hat in seinem Klassiker die Entwicklung des Logos aus dem Mythos nachgezeichnet. Vgl. Nestle, Vom Mythos zum Logos.
[5] Vgl. Hans Blumenberg, Arbeit am Mythos.
[6] Vgl. Jürgen Habermas, Zeit der Übergänge.
[7] E.g. die theologische Ausrichtung in der „Radical Orthodoxy“ um John Milbank und Catherine Pickstock.
[8] E.g. Hans-Peter Dürr, Physik und Transzendenz: Die großen Physiker unserer Zeit über ihre Begegnung mit dem Wunderbaren.
[9] Hans-Urs von Balthasar, Schau der Gestalt, 30.
[10] Mircea Eliade, The Sacred and the Profane.
[11] Emile Durkheim, The Elementary Forms of Religious Life.
[12] E.g. Verena Brunschweiger, Kinderfrei statt kinderlos: Ein Manifest.
[13] C. S. Lewis, „On Living in an Atomic Age.”

