Neben allen Problemen der Gegenwart herrscht auch spirituelle Armut. Meiner Generation fehlt eine geistige Heimat, die ihr Halt geben könnte. An die Stelle des Christentums ist eine postmoderne Wüste getreten. Jeden Tag begegnen mir Beispiele dafür. Hier scrollt der Kommilitone neben mir im Mittelalter-Seminar durch trad-katholische TikToks, da erzählt mir einer von einem Bekannten, der sich neulich zum Islam bekehrt hat. Vor allem in den Echokammern des Internets finden sich diverse absurde Ideologien und Ersatzreligionen.
Dazu gehört auch das Neuheidentum. Es ist der Versuch, eine fast vergessene Vergangenheit wiederzubeleben, von der wir gerade noch so viel wissen, dass wir darüber sprechen können.
Nüchtern betrachtet ist das natürlich zum Scheitern verurteilt. Das alte Heidentum war eine Religion der Praxis, nicht der Lehre. Die überlieferten Sagen reichen allein nicht aus, um einen weltanschaulichen Unterbau zu errichten. Wollte man es ernsthaft versuchen, müsste man wohl bestehenden Aberglauben – sagen wir: an Sternzeichen oder moderne Fabelwesen – immer weiter mythologisieren und ernster nehmen, bis vielleicht in einigen Jahrhunderten ein Heidentum entstünde.
Neuheidentum von links und rechts
Wenn das alte Heidentum bestenfalls noch eine leere Hülle ist, was ist dann das Neuheidentum? Zwei Bewegungen lassen sich beobachten. Da sind die, die das alte nachspielen (neudeutsch „L.A.R.P.“ – Live-Action Role Playing). Man denke z. B. an die Besucher eines Wikinger-Rock-Konzertes oder Online-LARPer. Und da sind solche, die das Christentum tatsächlich intellektuell herausfordern, indem sie die leere Hülle mit aktiven Weltanschauungen befüllen.
Bei letzteren gibt es ein durchaus breites Spektrum. Im „linken“ Neuheidentum basteln sich einige eine Naturreligion und biegen sie zum feministischen Mutter-Erde-Kult zurecht. Andere wollen im Stil der „Noble-Savage-Theorie“ zurück zu einer von europäischer Zivilisation unberührten Spiritualität. Christliche Missionare werden dann zu bösen weißen Männern, die den Einheimischen ihre Kultur wegnahmen, sei es im Römischen Reich oder mittelalterlichen Skandinavien, im Azteken-Reich oder Afrika des 19. Jahrhunderts. Dass die Missionierung dieser Gebiete auch ein Verbot von – zum Beispiel – Sklaverei, Pädophilie und Menschopfern, sowie natürlich das Christentum brachte, bleibt dabei meist unerwähnt.
Die rechte Form des Neuheidentums, zumindest die deutsche Version davon, entstand im frühen 20. Jahrhundert und erlebte ihre Blütezeit im Dritten Reich. Dabei ging es um eine „judenfreie“ Spiritualität. Nur wenige gingen so weit wie Heinrich Himmler, der einen nationalen Ersatz-Kult innerhalb der SS schaffen wollte. Allerdings war auch dieses Neuheidentum ohne philosophischen Unterbau und blieb damit als spirituelle Idee für eine Gesellschaft letztlich unfruchtbar. Sobald die Wewelsburg brannte, war es tot.
Nietzscheanische Herrenmenschen – online
Dagegen sollte man das Augenmerk auf heutige Strömungen des Neuheidentums richten, die einen philosophischen Unterbau haben, der stabil genug ist, um darauf eine halbwegs kohärente Ideologie zu errichten.
Im englischsprachigen Internet, aber zunehmend auch im deutschen, florieren derzeit nietzscheanisch-neuheidnische Kreise. Uralte Symbole werden dabei mit der Philosophie Nietzsches, bzw. eines Pseudo-Nietzsche, verbunden. Daraus wird eine radikale Kritik der Moderne und der heutigen Gesellschaft entfaltet. Die modernen linksradikalen Projekte stünden in der Tradition des Christentums, ja, sie wären sein logischer Endpunkt. Das Christentum, das sich durch seinen Einsatz für die Schwachen und Unterdrückten auszeichnet, sei im späten römischen Reich die liberale woke Bewegung gewesen, die zum Untergang Roms geführt habe. Diese Geschichte wiederhole sich nun. Die Hinwendung zu den Schwachen und die heutige Hypermoral führe erneut zum gesellschaftlichen Zusammenbruch.
Dagegen stellt man eine rein materialistische Weltsicht und die Selbstoptimierung. Das soll eine neue Aristokratie der Herrenmenschen erzeugen, die die Massen wieder auf den richtigen Weg führen könnten. Nur damit lasse sich der Westen retten. Der heidnische Glaube solle vitale Werte in der Bevölkerung stärken, vor allem die Geburtenrate erhöhen und die Kampfkraft der jungen Männer steigern, sowie einen Rahmen für notwendige Zeremonien wie Hochzeiten und Begräbnisse bilden. Zugleich wird infrage gestellt, dass eine Gesellschaft auf moralischen Werten basieren müsse. Die Herrenmoral entspricht einer Nichtmoral, bei der sich der Stärkere über die Massen erhebt und sich nimmt, was er kann; alle anderen „unter“ ihm müssten das eben ertragen.
Am Ende dieses Weges steht nach meiner Überzeugung keine blühende Gesellschaft, sondern schlicht Nihilismus und Tod. Die Austilgung von Glauben und Moral dürfte kaum bronzezeitliche Hünen hervorbringen, die als nietzscheanische Aristokratie von Morgen herrscht. Auch selbsterklärte Herrenmenschen können sich heute schwerlich über die Massen erheben. In einer Welt aus KI, automatischen Waffen und Massenindustrie sind sie bloß Fleisch und werden von den Mächten, die sie bekämpfen, eher selbst verschlungen.
Sowieso ist das Bild des amoralischen Heidentums nach unserem heutigen Wissen falsch. Das Hávamál (eine Liedersammlung zur altheidnischen Edda) handelt zum Beispiel in weiten Teilen von Gastfreundschaft. Nur mit viel Fantasie kann man da einen nietzscheanischen Macht-Kult hineininterpretieren. Die Ilias endet damit, dass Achill nach Gesetz und Brauch handelt und den Körper Hektors zurückgibt. Erst recht galt für die heidnischen Römer: Das Gesetz ist heilig.
Neuheidentum: ein Lehrstück
Das rechte Neuheidentum ist also keineswegs traditionell oder konservativ. Es lehnt die Tradition Europas, die unhintergehbar vom Christentum geprägt ist, ab. Es arbeitet eher daran, sie zu zerstören, statt ihre Wurzel zu suchen und Neues daraus zu ziehen.
Die Auseinandersetzung damit ist dennoch lehrreich. Zum einen warnt es davor, sich so in die Kritik an Kirche und Gesellschaft hineinzusteigern, dass sie zur grundlegenden Ablehnung aller Werte führt und nur noch das vereinzelte Individuum hinterlässt. Zum anderen warnt es vor reinem „Traditionschristentum“, dessen einziger Inhalt im Versprechen einer Rückkehr „zur guten alten Zeit“ und ihrer Ästhetik liegt.
Das stellt uns letztlich vor eine Weggabelung: ist man konservativer Christ, der sich nach Ordnung, Sicherheit, Stabilität und christlicher Liebe (caritas) für alle Menschen sehnt, oder ein rechter Nihilist, der nur leicht anders als die links-liberale Mehrheitsgesellschaft von irdischen Utopien träumt.
Allemal kann man mitnehmen: leere Symbole, halbverstandene Rituale, religiöse LARPs sind eher lächerlich. Allerdings kann man sich auch nicht darauf verlassen, dass diese Phänomene einfach von selbst verschwinden. Der heilige Bonifatius schritt zur Tat und legte buchstäblich die Axt an das alte Heidentum, als er die Donareiche fällte. An solch ernsthaften Gesten mangelt es heute.
Und was ist mit dem Olivenzweig?
So etwas wie moderne Heiden gibt es eigentlich nicht wirklich. Niemand glaubt ernsthaft, dass der Sonnenaufgang durch Apollon, der die Sonne mit seinem Streitwagen über das Firmament zieht, erklärt werden kann. Oder an Odins achtbeiniges Pferd, oder dass Gnome, Trolle und Riesen hinter dem nächsten Berg leben.
Aber es gibt die, die ihre Ideologie mit alten heidnischen Motiven „dekorieren“ und solche, die dabei mitmachen. Und gerade diesen Zeitgenossen kann man den besagten Olivenzweig reichen. Sie haben durchaus ein religiöses Interesse, meist fehlt es nur an Wissen über das Christentum. Damit lohnt die Auseinandersetzung .
Zugleich haben die alten heidnischen Sagen einen festen Platz im geistigen Leben Europas. Sie sind Bildungs- und Kunstwerke aus einer Welt, in der das Christentum entstand. Ähnlich müssen das die Generationen von mittelalterlichen Schreibern gesehen haben, die diese Werke immer neu kopierten. Man sollte sie eben nur nicht mit der Religion gleichsetzen, deren Ursprung in Jerusalem liegt.
Johannes Klepsmann studiert Geschichte an einer mitteldeutschen Universität.
Bild: Rudolf Maison, Wotan (Skulptur, 1900) @Digitalisat: Therese Feiler

