Was geht uns Israel noch an? (Teil I)

von

Therese Feiler

Israel, das ist zerbombtes (Debatten-)Gelände. Besonders in Deutschland herrscht ein peinlich verklemmter Bekenntnis-Zwang. Dazu werden genüsslich Antisemitismus-Vorwürfe verteilt: gern nach links, wobei man auf den Islam zielen kann. Auch nach rechts, so lässt sich der „Rechtsradikalismus“-Vorwurf komfortabel ausweiten. Theologisieren gilt in dieser Lage als unschicklich bis fatal. Dabei ist „Israel“ politisch-theologisch relevanter und brisanter als oft angenommen. Das kann und muss man von Oliver O’Donovan (*1945) lernen.

Vor genau dreißig Jahren veröffentlichte O’Donovan, damals Regius Professor of Moral Theology in Oxford, ein Grundlagenwerk, das ihn zum einflussreichsten politischen Theologen im angelsächsischen Raum machte: The Desire of the Nations: Rediscovering the Roots of Political Theology. Das Buch wird im deutschsprachigen Raum fast gar nicht rezipiert (ich selbst habe es mit Studenten gelesen und dazu geschrieben). Dabei findet sich hier ein hochproduktiver Ansatz: Er baut auf das biblische Israel als hermeneutische Entität für christliche Politik. Als theologisches Politikum impliziert „Israel“ stabiles Nachdenken über politische Autorität – und Liberalität.

Wie kam O‘Donovan dahin? Zunächst erarbeitete er eine Grundposition für politische Theologie. Dafür griff er weder nach links zur marxistischen Befreiungstheologie, noch beschränkte er sich rechts auf die Rezeption von Carl Schmitt, Leo Strauss, Eric Voegelin usw. Jenseits von Dialektik und Skepsis ging es ihm vor allem um das Moment des „transzendenten Gehorsams“, sprich: das christliche Freiheitsmoment.

Israel – theologisches Politikum

Das Volk Israel selbst galt dann als die zentrale, ‚disclosive‘ politische Entität der Bibel. Durch dieses Prisma kann die eigene Geschichte als Teil der politischen Geschichte mit Gott gesehen werden. Umgekehrt ermöglicht es, in der „historischen“ Erzählung dieses Volkes die existenzielle und politische Strahlkraft verschiedener biblischer Momente zu sehen: von den Kriegsregeln im Deuteronomium über das Richteramt bis hin zu Kreuzigung, Himmelfahrt und Apokalypse, um nur einige zu nennen. All diese Momente haben immer auch eine politische Signifikanz.

O’Donovan arbeitete sich durch solche Wendepunkte und zeigte dabei u.a., wie sich das Volk Israel in „Politisches“ und „Geistiges“ ausdifferenziert, wenn auch nicht immer progressiv. Schon im Alten Testament zeichnet sich eine innere Unterscheidung ab: beispielsweise zwischen Moses und Aaron. Und schon hier gibt es beständige Aufrufe zur Erneuerung und Umkehr Israels als politisch-religiöse Entität.

Alt und neu post Christum – Fusion und Differenz

Die Groß-Zäsur geschieht dann mit Christus. Danach hängen „altes“ und erneuertes Israel – man lese, grob übertragen: politische Struktur und Kirche – nur noch „in Christus“ zusammen. O’Donovan nennt es eine „eschatologische Fusion“. In Christus bestehen diese zwei sich überlappenden Äonen, das alte und das neue, aufeinander verweisend und angewiesen. Damit lässt sich das „God is king“ des Psalmisten politisch-theologisch aufgedröseln.

Theologie wird zur umfassenden Metapolitik – und Gegenwartshermeneutik. Wo stürzen Politik und Kirche in eins? Wo schwingt sich das eine über das andere auf? Für alle Varianten lieferte O’Donovan historische Beispiele.

So werden auch bekannte Irrwege markiert. Erstmal eine Enterbungs- oder Ersetzungstheologie, gemäß der die Kirche das von Gott verworfene Volk Israel ersetzt. Diese Interpretation läuft auf Antijudaismus hinaus: und damit auf die Entpolitisierung oder Totalpolitisierung (Was letztlich dasselbe ist!) der Gemeinschaft. Dieser Effekt bahnt sich übrigens auch schon an, wenn eine Theologie „das Judentum“ oder „Israel“ aus vermeintlicher Toleranz oder Schuldbewusstsein als besonders abständig vom Christentum darstellt. Die jüdische und christliche Interpretation des biblischen Israel bleiben eben different.

Ebenfalls lässt sich mit O’Donovans Sicht keine Absorption der Kirche ins Judentum oder andere Religionen bewerkstelligen, wie brachial oder subtil das auch aufgezogen sein mag. Denn der inkarnierte Gott reißt einen kosmischen Graben auf. Und das hat kulturelle, politische, sogar emotionale und epistemologische Konsequenzen (auf die hier nicht näher eingegangen werden kann).

Auch „wir“, an die das Evangelium ergangen ist, sind nun Juden, als Christen aufgepropft (Röm 11,24) auf dieses Volk – und paradoxerweise nur als solche eben keine mehr. Denn das universale Versprechen des Glaubens lautet ja: „… ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ (Gal 6, 28) Das Paradox von Identität und Differenz bleibt, die Christen leben als Volk unter Völkern. Man könnte konziser sagen: die Christen leben aus den leeren Seiten zwischen den Testamenten oder „zwischen den Zeiten“, wie die dialektische Theologie treffend formulierte. Diese leeren Seiten sind aber nicht Nichts. Im Gegenteil: in diesem Übergang liegt Freiheit, da wackelt es, da ist Spielraum, von da kommen Trickli. Luther formuliert diese Position fast progressiv: es sind „neue Dekaloge“ zu schreiben.

Regieren als Urteilen

Als politische Aufgabe post Christum hat nur Israels Rechtsprechung bleibenden Bestand. „Government as judgment“ wurde zur zentralen Formel für O’Donovan und seine Rezipienten. Das rechtssprechende Urteil trennt eo ipso Schuld und Unschuld. Sicher, im modernen prozedural-bürokratischen Staat hat ein Draht zur (göttlichen) Gerechtigkeit durchaus etwas Anachronistisches. Das gilt umso mehr, wenn Gerechtigkeit ausschließlich mit Frieden, allerdings in dieser schlierigen „Friede-Freude-Eierkuchen“-Version gleichgesetzt wird.

Im Gegensatz dazu durchbricht eine an Augustinus von Hippo erinnernde Position solche Gegenwartstendenzen. Denn einerseits besteht O’Donovan dann auf überparteiliche Instanzen (Gerichte, Könige, etc.) – das ist wichtig, wenn ein Gemeinwesen wie hierzulande entlang von Parteiengrenzen zerschlitzt wird. Andererseits legt er auch den Finger auf Probleme der Gewaltenteilung, nämlich die Gefahr, dass eine Gewalt in Solipsismus abdriftet und zerfällt, oder die anderen vollständig in sich absorbiert (wie eben z. B. in einer parteipolitisierten Justiz). Hier ist beim Lesen also durchaus dialektisches Feingefühl gefordert.

Für O’Donovan ist das gerechte Urteilen jedenfalls das eigentliche, jede Politik legitimierende Tun – nicht die Institution, der Staat an sich. Umgekehrt lässt sich schließen, entscheiden gerechte Urteile langfristig über Wohl und Wehe politischer Legitimität. Versagt die Gerichtsbarkeit, bringt das die gesamte Ordnung ins Wanken. (Nebenbei schüttelt man daher nur den Kopf, wenn Juristen das repräsentative Urteil „im Namen des Volkes“ als rechtspopulistischen Verdachtsfall dekonstruieren wollen.)

Das bedeutet keineswegs, jeder könne das Recht selbst in die Hand nehmen, ganz im Gegenteil. Eine repräsentativ urteilende Instanz gründet in Macht, Recht und Tradition, die drei Grundpfeiler der politischen Autorität, die O’Donovan ebenfalls biblisch differenziert herleitet.

Bei allem Fokus auf das kollektive Israel lässt sich die individuelle prophetische Aufgabe trotzdem nicht verklappen. Sicher, das prophetische „Wächteramt“ wurde oft für sozialrevolutionären Kitsch bemüht. Davon sollte man sich aber nicht beirren lassen. Jedes Volk, jede Gesellschaft kann bekanntlich zu einer Herde von Schlafschafen oder einem Rudel Wölfe werden. Der Prophet steht allein, oft einsam vor Gott. Er ist radikal individuiert, bis zur Schmerzgrenze, lyrisch, provokant. Er spricht Wahrheiten, die unbequem sind; der Tyrann träumt sie schon, weil er sie unbewusst längst weiß. Solche prophetischen Typen zu respektieren, sogar über politische Lagergrenzen hinweg, ist Ausdruck von Freiheit, es vermehrt die Freiheit sogar.

Was das für den Begriff des Volkes, den Krieg im Nahen Osten und politische Souveränität impliziert führe ich in Kürze in einem zweiten Teil aus.

Therese Feiler gründete Theologia dissidens. Studium der englischen Literatur und Religionswissenschaft in Berlin und Aberdeen, Master und Promotion in Theologie an der Universität Oxford, danach Post-Docs in Oxford und München.

 

Bild: © Therese Feiler, Ohne Titel (2025).

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