An diesem Tag vor 350 Jahren verstarb Paul Gerhardt (1607–1676). Der in Gräfenhainichen geborene lutherische Theologe war ab 1651 Pfarrer in Mittenwalde, wirkte anschließend von 1657 bis zu seiner endgültigen Entlassung 1667 in Berlin und zuletzt in Lübbenau. Er verfasste über hundert Kirchenlieder, von denen zahlreiche bis heute fester Bestandteil evangelischer Gesangbücher sind. Kaum verwunderlich wird sein Gedenktag in protestantischen Kirchen daher besonders begangen: Die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche (VELKD) verleiht einen Paul-Gerhardt-Preis, die Zeitzeichen widmen ihm einen eigenen Themenblock,[1] und auch die öffentlichen-rechtlichen Medien erinnern an seinen Gedenktag. In den großen Chor derer, die Paul Gerhardt Bewunderung entgegenbringen, mischen sich jedoch auch kritische Stimmen.
Tatsächlich: Paul Gerhardt ist und war nie eine einfache Person. Das zeigte sich besonders in seinem Konflikt mit dem brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm (1620–1688). Der Dreißigjährige Krieg hatte dessen Land schwer verwüstet und in weiten Teilen entvölkert. Zum Wiederaufbau gehörte auch die Ansiedlung fremder Menschen mit anderen Glaubensüberzeugungen. Um den öffentlichen Frieden zu wahren, musste er sich deshalb um eine Aussöhnung der verschiedenen Religionen bemühen. Dafür musste er vor allem die lutherische Mehrheit gewinnen. Die folgenden Auseinandersetzungen mündeten 1664 in einem Toleranzedikt, in dem der Kurfürst den Lutheranern zwar die Ausübung ihres Glaubens zusicherte, aber forderte, in Zukunft auf die öffentliche Verdammung der Calvinisten und anderer religiöser Gruppen zu verzichten.
In dieser Zeit wurde Paul Gerhardt, seit 1657 Pfarrer in Berlin, zum Dissidenten im wahrsten Sinne des Wortes. Er widersetzte sich den Bemühungen Friedrich Wilhelms, wetterte in Flugschriften dagegen und weigerte sich schließlich, das Toleranzedikt zu unterschreiben. Das führte 1666 zu seiner Amtsenthebung.[2] In einem Brief an seinen Landesherrn erklärte Paul Gerhardt sein Verhalten mit dem Hinweis auf sein Gewissen:
„Ich kann hochgedachten Ew. Kurfl. Edikten ohne Verletzung meines armen Gewissens nicht Genüge tun … wie ich denn bei solchem Gehorsam mein Lutherisches Glaubensbekenntnis, die Formula Concordia, verlassen und von mir legen müsste.“[3]
In heutiger Zeit stößt diese „starrsinnige“[4] Haltung oft auf Unverständnis und Ablehnung. Überhaupt: „Zu fremd sind mir manche seiner Texte, ist mir seine Theologie.“[5]
Dabei steht hinter Paul Gerhardts Unbeugsamkeit das Ernstnehmen theologischer Differenzen. Meistens wird der Unterschied zwischen Luthertum und Calvinismus anhand der Abendmahlsfrage erklärt: Während die Calvinisten im Abendmahl nur die geistige Gegenwart Gottes annehmen, glauben die Lutheraner, dass in, mit und unter Brot und Wein der Leib und das Blut Jesu Christi wahrhaft anwesend ist und gegessen wird. Das Luthertum bekennt hier: Gott bleibt auch nach der Himmelfahrt Christi als erhöhter Herr leibhaft in dieser Welt gegenwärtig. Der Calvinismus dagegen kennt nur die geisthafte Gegenwart Gottes. Das Abendmahlsverständnis gibt so Auskunft über die Art der Begegnung Gottes mit der Welt: Für Lutheraner zieht die Herrlichkeit Gottes immer wieder trotz und durch alle Pein in die gesamte Lebenswelt; in der calvinistischen Sicht schwebt er als Geist darüber.
Dieses unterschiedliche Denken bricht heute in einem anderen Thema hervor und erregt die Gemüter. Wahrscheinlich wird es deshalb in den Gedenk-Feierlichkeiten für Gerhardt auch nicht besonders erwähnt: Die Welt als Schöpfung Gottes.
Schöpfung heute
Was die Rede von der Schöpfung angeht, sind in der Gegenwart mindestens zwei Wege erkennbar. Der erste ist das Gespräch mit den Naturwissenschaften. Wissenschaftliche Erkenntnisse könnten in dieser Sicht darauf hindeuten, dass hinter dem Universum eine „Intelligenz“ steht, die auch diese Welt ordnet.[6] Dabei ist es durchaus vernünftig anzunehmen hinter dieser Welt stehe eine höhere Ordnung und ein entsprechender Schöpfer. Aber um es mit den Worten Pascals auszudrücken, offenbart das nicht den lebendigen Gott Abrahams, Isaak und Jakobs, dem man begegnet, sondern den Gott der Philosophen, über den man nachdenkt. Es handelt sich bei ihm um eine wissenschaftliche Theorie. Hier ist weniger das Herz als der Kopf am Werk.
Auf dem anderen Weg hingegen versuchen Theologie und Kirche in gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen unter dem Stichwort „Bewahrung der Schöpfung“ „Stellung zu beziehen“. Inzwischen ist das irreführend, weil es statt um Bewahrung vielmehr um eine Neuverhandlung[7] der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse geht, die keine Ungerechtigkeit mehr kennt. Alle Menschen sollen untereinander und mit der (vermeintlich unschuldigen) Natur ein Leben in Frieden, Glück und Wohlstand führen.
Schöpfung bei Paul Gerhardt
Paul Gerhardt widerspricht jeglichem Versuch, die Welt allein über den Weg vernünftiger Naturwissenschaft zu verstehen. Die Überzeugung, dass der Schöpfer in seiner Schöpfung leibhaft gegenwärtig ist, eröffnet ihm die Begegnung mit Gott. Der Glaube erkennt, dass Gott sich seinen Geschöpfen mitteilt, und das kann Gerhardt in der Natur beobachten:
„Auf den Nebel folgt die Sonne / Auf das Trauern Freud und Wonne / Meine Seele, die zuvor / Sank bis zum Höllentor / Steigt nun bis zum Himmelschor.
Die Schöpfung, in der Gott sich zeigt, ist aber auch ein Ort, an dem der Mensch Leid und Not erfährt. Besonders in den Passionsliedern zeigt Gerhardt diese Wirklichkeit in ihrer Abgründigkeit:
Die Farbe deiner Wangen, / der roten Lippen Pracht / ist hin und ganz vergangen; / des blassen Todes Macht / hat alles hingenommen, / hat alles hingerafft, / und daher bist du kommen / von deines Leibes Kraft.
Das Leid, das Christus widerfahren ist, wird sogar zum Grund, in dem man Heil und Frieden findet:
Es dient zu meinen Freuden / und tut mir herzlich wohl, / wenn ich in deinem Leiden, / mein Heil, mich finden soll.
Das Leid wird gerade nicht unter den Tisch geschoben oder relativiert mit dem Hinweis, wir müssten es nur „besser machen“. Das täglich neue Aushandeln der Verhältnisse wird dem Schlechten in dieser Welt kein Ende bereiten. Die Frage verschiebt sich. Nicht: Wie kann ich die Welt besser machen und das Schlechte aus ihr fortschaffen? Sondern: Wie kann ich mit dem Leid umgehen? Der Dichter fällt nicht in jammervolle Schockstarre oder nimmt die Verhältnisse als schlicht gegeben an. Die Poesie[8], die aus seiner Beobachtung der Schöpfung erwächst, wird selbst schöpferisch: Ihr Trost gibt die Kraft, in diesem Leben nicht zu verzweifeln, sondern weiterzugehen:
Geh aus, mein Herz und suche Freud / in dieser lieben Sommerzeit / an deines Gottes Gaben; / schau an der schönen Gärten Zier / und siehe, wie sie mir und dir / sich ausgeschmücket haben.
[1] https://paul-gerhardt-gesellschaft.de/aktuelles/
[2] Albrecht Beutel: Paul Gerhardt, in: Protestantismus in Preußen, Bd. 1, S. 73–84.
[3] Frei zitiert nach KTGQ IV, S. 24.
[4] Albrecht Beutel: Paul Gerhardt, in: Protestantismus in Preußen, Bd. 1, S. 79.
[5] Zeitzeichen 5/2026, S. 33.
[6] Aktuelles Beispiel: Gerd Ganteför: Die Intelligenz des Universums, 2026.
[7] Vgl. z. B. Catherine Keller: Face of the Deep, S. 6.
[8] Das Verb ποιεῖν (poiein) bezeichnet in der griechischen Bibel Gottes Erschaffen der Welt.
Bild ©LMH, Lambda, 23.V.2026

