Abrahams souveräner Gott

von

Meik Gerhards

House of One

Am Petriplatz in Berlin-Mitte stand 700 Jahre lang eine christliche Kirche. Der letzte Kirchbau wurde 1853 im Beisein des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. eingeweiht. Dem König war die Förderung kirchlicher Einrichtungen eine Herzensangelegenheit. Der christliche Glaube sollte der Entwurzelung der Menschen entgegenwirken, die sich in dem zur Großstadt heranwachsenden Berlin zeigte. Der 96m hohe Turm der neugotischen Petrikirche war stadtbildprägend bis das kriegszerstörte Gebäude 1964 einer Kirchensprengung der DDR zum Opfer fiel.

Nach dem Untergang der DDR wurde ein Wiederaufbau der Petrikirche von der evangelischen Kirchengemeinde St. Petri-St. Marien nicht unterstützt, stattdessen wurde das Projekt „House of One“ initiiert. An einer Stelle, an der Jahrhunderte lang christlicher Gottesdienst gefeiert wurde und christliche Bestattungen stattgefunden haben, entsteht nun ein Haus für die Anhänger der drei monotheistischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam, das getrennte Sakralräume mit einem Begegnungszentrum verbindet. Nahm 1853 der König an der Kirchweihe teil, so sprach 2021 der damalige Bundestagspräsident, Wolfgang Schäuble, ein Grußwort zur Grundsteinlegung des House of One.

Nach Pfarrer Gregor Hohberg soll „aus den Fundamenten der alten Kirchen ein sakrales Haus mehrerer Religionen wachsen. Die Menschen darin werden (…) miteinander und mit der säkularen Stadtgesellschaft in ein friedliebendes Gespräch treten. Es wird ein Haus sein, in dem Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung wohnen“.

Der Wandel, der am Petriplatz stattfindet, nötigt zu theologischer Reflexion. Theologie und Kirche müssen ihren Ort in einer Gesellschaft finden, die nicht mehr selbstverständlich christlich, sondern weltanschauungspluralistisch geworden ist. Indem die Kirchengemeinde anstelle des Wiederaufbaus der Petrikirche für das House of One votierte, bestimmt sie ihren neuen Ort als den eines Dialogpartners primär mit anderen monotheistischen Religionen – nach Altbischof Markus Dröge steht das House of One dafür, dass Juden, Christen und Muslime durch den Glauben „an einen Gott“ „versöhnt“ sind –, aber in das „friedliebende Gespräch“ soll auch die säkulare Gesellschaft einbezogen werden.  Wenn das Projekt erfolgreich sein sollte, würde es einen Beitrag zum gesellschaftlichen Ausgleich und Frieden leisten. Eine pluralistische Gesellschaft hat solche Beiträge nötig, aber es darf gefragt werden, inwiefern es eine bevorzugte Aufgabe der Kirche ist, auf Versöhntheit mit anderen Religionen und innerhalb der säkularen Gesellschaft hinzuwirken. Gewiss gehört zur christlichen Botschaft das Gebot der Nächsten- und sogar der Feindesliebe. Aber die christliche Botschaft handelt zuerst von der Liebe Gottes, aus der sich dann ethische Forderungen ergeben. Die Botschaft der göttlichen Liebe muss in notwendiger Abgrenzung gegenüber anderen Religionen verkündigt werden, die von dieser Liebe nichts oder zu wenig wissen. Auch das hat die Kirche zu bedenken, wenn sie ihren Ort in der pluralistischen Gesellschaft zu bestimmen sucht.

Besser als der Christusbekenner Petrus wäre wohl Abraham als Namenspatron für den Platz des House of One geeignet. Auf ihn berufen sich die Anhänger aller drei Religionen, für die das Haus gebaut wird. Von Abraham erzählt die Bibel wie der Koran. Kann also im Namen Abrahams eine eine versöhnte Verschiedenheit alteuropäisch-christlicher und neueuropäisch-muslimischer Religiosität entstehen, die friedensfördernd in die weltanschauungspluralistische Gesellschaft hineinwirkt? Das wäre nur möglich, wenn das Profil der Abrahambilder der Bibel wie des Koran grob vernachlässigt würde. Ein Warnzeichen liegt schon darin, dass sich der Koran gerade unter Berufung auf Abraham auch von Juden und Christen abgrenzt (3,67f.)[1].

Ein ausführlicherer Blick, der gleichwohl oberflächlich bleiben wird, lohnt sich.

Der koranische Abraham: Kapitulation

Der langen Abrahamgeschichte der Bibel (Gen 12-25) stehen kürzere Abrahamtexte mehrerer Koransuren gegenüber.[2] Nach der Abrahamgeschichte in Sure 37,83-113 trennt sich Abraham von seinen Verwandten, die falsche, bildlich dargestellte Götter verehrten. Abraham, der im Sternenhimmel die Erhabenheit des einzigen wahren allmächtigen Gottes erkannt hatte (Sure 6,75-79), zerstört in heiligem Zorn die Götzenbilder seiner Leute. Als diese ihn auf einem Scheiterhaufen verbrennen wollen, rettet ihn Gott. Abraham trennt sich um des Glaubens willen von seinen Verwandten und erbittet von Gott einen Sohn, den er auch gewährt bekommt. Als der Sohn größer ist, fordert Gott ihn zurück: Abraham soll den Sohn opfern. Abraham und sein Sohn unterwerfen sich diesem Befehl, den Gott im letzten Moment zurücknimmt. Es war nur eine Prüfung! Die fraglose Ergebung unter Gott und seinen Befehl, die Abraham unter Beweis gestellt hat, heißt arabisch „Islam“ (37,103). Das Verb bezeichnet im militärischen Kontext eine Kapitulation (48,16). Weil er diese Kapitulation unter Gott geübt hat, ist Abraham Vorbild der Muslime. Sein Vorbild gründet zunächst darin, dass Abraham nur den einen allmächtigen Gott verehrt. Die Abwendung von falschen Göttern und das gewaltsame Vorgehen gegen Götzenbilder ist für den koranischen Abraham charakteristisch.

Gottes grundlose Zuwendung

Davon erzählt die biblische Abrahamgeschichte nichts. Auch sie setzt voraus, dass nur ein Gott existiert. Ihr Thema ist aber nicht der Monotheismus und auch nicht unbedingt der Gehorsam gegenüber Gott, sondern das Leben aus dem Beschenktwerden durch Gott. Der Weg des biblischen Abraham beginnt in Gen 12 nicht mit der Abkehr von falschen Göttern, sondern damit, dass Gott sich ihm schenkend-verheißend zuwendet. Ein weiterer Schwerpunkt liegt darauf, dass Gott Abraham auch in Zeiten des Zweifels begleitet und dass er ihm sogar menschlich begegnet.

In Gen 12,1-3 wird Abraham, der aus Chaldäa kommend in Harran gestrandet war, eine Heimat verheißen. Dem Kinderlosen werden viele Nachkommen verheißen. Dem Unbekannten verheißt Gott, dass er seinen Namen groß machen werde. Was Gott Abraham verspricht, sind Aspekte von Lebensfülle: Heimat bedeutet Leben im geschützten Rechtsraum; Kinder bedeuten soziale Gemeinschaft und Absicherung; wer einen (großen) Namen trägt, ist kein Niemand.

Der biblische Abraham steht dafür, dass sich Menschen das, was ihrem Leben Sinn und Fülle verleiht, nicht selbst schaffen müssen. Sie dürfen es im Vertrauen von Gott empfangen.

Dazu bekennt sich nun auch der koranische Abraham (Sure 26,75-89). Aber bei ihm folgt die Verheißung des Sohnes auf die aktive Abkehr vom Götzendienst seiner Verwandten. Die Verheißung hat Lohncharakter. In der Bibel fordert Gott Abraham auf, zur verheißenen Heimat aufzubrechen, womit er weitere Verheißungen verbindet. Hier geht die Verheißung dem Auszug voraus. Lohncharakter hat sie nicht. Gott offenbart sich Abraham als der Schenkende, bevor sich Abraham irgendwie zu Gott verhalten hat.

Im Koran heißt es: „Wer ist besser in der Glaubenspraxis als der, der sich mit seiner ganzen Person Gott ergibt, so dass er Gutes tut und folgt der Religion Abrahams als eines Verehrers des einzigen Gottes – Gott aber hat sich Abraham zum Freund genommen!“ (Sure 4,125; eigene Übersetzung).

Nach dem liberalen muslimischen Theologen Mouhanad Khorchide beschreibt dieser Vers, „warum Gott Abraham zum Freund nahm, und er fordert auch uns auf, diesen Weg zu wählen“[3]. Die Freundschaft Gottes hat nach Khorchide ihren Grund in Frömmigkeit und Gottergebenheit Abrahams. In der biblischen Abrahamgeschichte ist hingegen kein Grund dafür ersichtlich, dass Gott Abraham Lebensfülle verheißt. Diese grundlose Zuwendung Gottes hält sich durch, selbst da, wo Abraham gegenüber Gott den Vorwurf erhebt, seine Versprechen nicht wahr gemacht zu haben. Das ist zu Beginn von Genesis 15 der Fall.

In Gen 15 sichert Gott die Verheißung vieler Nachkommen ab, indem er Abraham in den Sternenhimmel blicken lässt (Gen 15,4f.). Im Sternenhimmel erahnt Abraham Gott als den allmächtigen Schöpfer – eine Erfahrung, die auch der koranische Abraham kennt (6,75-79). Wunderbar – und im Koran undenkbar – ist dann aber, wie Gott im zweiten Teil von Gen 15 die Verheißung des Landbesitzes absichert: Er schickt Abraham eine Vision, in der Gott in Gestalt feuriger Phänomene zerteilte Tierkadaver durchschreitet. Laut dem Propheten Jeremia zieht Gott, der die Kadaver durchschreitet, eine Selbstverfluchung auf sich: Er will wie die Tiere zerteilt werden, wenn er sein Versprechen nicht hält. (Jer 34,18)

Religionsgeschichtlich ist ein Schwur eine Selbstverfluchung. Die hebräischen Schwursätze zeigen das noch recht gut, denn sie nennen die Bedingung, unter der man verflucht sein will. Zwar lassen sie die eigentliche Selbstverfluchung unausgesprochen, dennoch ist der Sinn noch erkennbar. Dass Menschen bei einer Gottheit schwören, also die Strafe der Gottheit auf sich rufen für den Fall, dass sie den Schwur nicht halten, ist religionsgeschichtlich völlig normal. Dass aber die Gottheit dem Menschen etwas schwört – sich also so sehr dem Menschen verpflichtet, dass sie sich ihm quasi als ihrem Richter unterwirft -, ist sehr außergewöhnlich.

Das Ritual von Gen 15 ist eine besonders intensive Form des Schwurs, den Gott an anderen Stellen leistet, gegenüber Abraham etwa in Gen 22,16-18. Indem Gott mit seinem Leben dafür eintritt, dass er seine Verheißung an Abraham wahrmacht, liegt also eine grandiose Umkehr der üblichen Rollen von Gott und Mensch: Normalerweise, auch in Jer 34, vollziehen Menschen das Ritual vor Gott – in Gen 15,17f. vollzieht Gott das Ritual vor dem Menschen. Das tut der eine allmächtige Weltenschöpfer, dessen Größe Abraham im Sternenhimmel erahnen konnte, für den Sünder und Zweifler Abraham, der ihm in 15,2f. vorgeworfen hatte, sein Versprechen nicht eingehalten zu haben.

Indem Gott im Ritualvollzug von Gen 15 die Rolle übernimmt, die eigentlich Menschen gegenüber einer Gottheit übernehmen, begegnet Gott dem Zweifler Abraham menschlich. Das setzt sich in Gen 18 fort, wo der allmächtige Gott in Begleitung zweier Engel bei Abraham in menschlicher Gestalt einkehrt. Die kirchliche Auslegungstradition sieht mit Gründen in den drei Männern eine Vorabbildung der Trinität. Fragen wir, wo es verbürgt ist, dass diese merkwürdigen Abrahamerzählungen Wahrheit über Gott und sein Verhältnis zum Menschen bezeugen, finden wir die Antwort im Neuen Testament: In Jesus Christus ist Gott Mensch geworden, wie in Gen 18 bei Sündern und Zweiflern eingekehrt und hat sich wie in Gen 15 in die Hand menschlicher Richter gegeben. Über Gott kann so erzählt werden wie in Gen 15 und 18, weil er der Dreieine ist, als der er in Jesus Christus erkannt wird.

Souverän: dem Menschen als Mensch begegnen

Die koranische Parallele zu Gen 15, Sure 2,260, erzählt nicht, dass sich Gott dem Menschen verpflichtet, indem er Tierkadaver durchschreitet. In ihr demonstriert Gott an zerteilten Vogelkadavern seine Macht Tote aufzuerwecken (Sure 2,260). Das Beispiel zeigt: Der Gott des Koran ist allmächtig – aber nicht so mächtig und souverän, dass er dem Menschen als Mensch begegnet.

Während Abraham im Koran tadelloses Vorbild ist, das für seine Ergebung in Gott belohnt wird (37,108-110), kommt es in der biblischen Abrahamgeschichte nicht darauf an, dass der Mensch in Glauben und Lebenswandel standhaft bleibt, sondern darauf, dass Gott dem Menschen treu bleibt – auch dem Sünder und Zweifler.

In der koranischen Version der Prüfungsgeschichte, in der Gott das Opfer des Sohnes fordert, geht es darum, dass Abraham und sein Sohn mit Gottes Hilfe standhaft bleiben (37,103). Sie sind leuchtende Vorbilder „für das Wesen des Glaubens, die Schönheit des Gehorsams und die Großartigkeit der Hingabe“.[4]

Die biblische Version hingegen ist eine Vertrauensgeschichte. Auch in ihr führt Abraham den Sohn zur Opferstätte und zückt schon das Messer, um ihn zu schlachten (Gen 22,10). Aber sie zeichnet Abraham hintergründiger. Sie lässt erahnen, dass er diesen Gehorsam leisten kann, weil er nach seinen bisherigen Erfahrungen mit Gott Hoffnung hat, dass der den Sohn nicht wirklich zurückfordert. Die Hoffnung schimmert durch, wenn Abraham in Aussicht stellt, mit dem Sohn von der Opferstätte zurückzukehren (22,5) und wenn er die Erwartung äußert, dass Gott sich noch ein anderes Tier zum Opfer aussucht (22,8). In Gen 22 kann Abraham also an Gott festhalten und seinen Befehl befolgen – obwohl Gott ihm unverständlich und grausam begegnet – weil Gott an ihm festgehalten hatte: Als Abraham zweifelte, hatte er ihm seine Verheißung erneuert bis dahin, dass er – Gott! – sich ihm – dem Menschen! – in einem Bundesritual ausgeliefert hat. Wer Gen 22 als Christ liest, erkennt den Realgrund dieses Rituals in der Selbstauslieferung Gottes in Jesus Christus.

Abgrenzung und Verkündigung

Die Unterschiede zwischen den koranischen und biblischen Abrahamtexten können nicht übergangen werden: Die bedingungslose, zuvorkommende Liebe und Zuwendung Gottes zum Menschen kennt der Koran wohl nicht – erst recht weiß er nichts davon, dass der eine allmächtige Gott dem Menschen, und zwar dem Sünder und Zweifler, menschlich begegnet.

Der Kirche ist gerade darin eine Botschaft anvertraut, die nicht durch die oberflächliche Feststellung einer Versöhntheit aller monotheistischen Religionen verwässert werden darf.

Friedrich Wilhelm IV. förderte die Kirche, um der Entwurzelung der Menschen in der wachsenden Großstadt entgegenzuwirken. Heutige Politik erwartet von der Kirche Förderung von Dialog und Demokratie. Aber die Menschen sind doch wohl gerade heute so entwurzelt und vereinsamt wie nie. Dann besteht gerade heute gesellschaftlicher Bedarf für die Botschaft vom bedingungslos liebenden und sich dem Menschen zuwendenden Gott.

Der Islam scheint ein erhabeneres Gottesbild zu vertreten. Gott gilt da als viel zu souverän, als dass er sich dem Menschen durch eine Selbstverpflichtung in die Hand gäbe. Schon deshalb kann der Islam eine Menschwerdung Gottes nicht denken. Aber dieser Gott lässt den vereinsamten Menschen seinerseits allein. Der Koran weiß nichts davon, dass er sich dem Menschen menschlich verpflichtet, wie es der biblische Abraham erfährt. Soviel Souveränität traut der Islam ihm nicht zu. Denn gerade, dass Gott sich dem Menschen so mitteilt und sogar ausliefert, erweist ja seine ungeheure Souveränität.

Wäre der Kirche das alles wirklich klar, müsste sie ihre bevorzugte Aufgabe – gerade auch in der pluralistischen Gesellschaft – in der Verkündigung des menschgewordenen Gottes erkennen. Andere Aufgaben (Dialog; Diakonie) mögen daneben wichtig sein. Das Eigentliche sind sie nicht.

 

Meik Gerhards ist Dozent für Altes Testament und Biblisches Hebräisch an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin. Soeben ist sein neues Buch erschienen: Abraham – biblische und koranische Perspektiven. Zur Neuentdeckung des Christlichen in der Begegnung mit dem Islam, Lit. Theologie 139, Berlin 2026.

 

[1]  Bei Koranzitaten steht die Zahl vor dem Komma für die Sure, die Zahlen danach für die Verse.

[2]  Zum Überblick vgl. J.-D. Thyen, Bibel und Koran. Eine Synopse gemeinsamer Überlieferungen, Köln (u. a.) 42015, 42-64; auch F. Eißler, Abraham im Islam, in: C. Böttrich (u. a.), Abraham in Judentum, Christentum und Islam, Göttingen 2009, 116-188.

[3]  M. Khorchide, Islam ist Barmherzigkeit. Grundzüge einer modernen Religion, Freiburg 22016, 35.

[4]  So der Theoretiker der Muslimbruderschaft, Sayyid Qutb in seinem verbreiteten Korankommentar (arab.), zitiert nach: H.N. Josua, Ibrahim, der Gottesfreund, Tübingen 2016, 302.

 

Bild: Caravaggio, Il Sacrificio di Isacco (Detail; ca. 1603), gemeinfrei.