Jenseits der Selbstauflösung
Was trägt Oliver O’Donovans Ansatz für Gegenwartsfragen aus? In Teil I dieses Beitrags hatte ich sein Buch The Desire of the Nations kurz vorgestellt. Im Folgenden will ich im Anschluss daran einige Themen kurz anstrahlen.
Ich greife den umstrittenen Begriff des Volkes heraus. Dass es als Teil der guten Schöpfung überhaupt Völker gibt, dürfte bereits nach der Genesis-Lektüre ein no-brainer sein, auch wenn diese Lektürefrucht vielen Kolleg:innen erfolgreich abdressiert wurde. Im Alten Testament ringt das Volk Israel nun stetig um eine politische Form. Es gibt die Theokratie (post Christum nicht mehr akzeptabel), die für O’Donovan so wichtige Richterzeit, aber auch den geistig-moralischen Total-Verfall, selbst bei den vermeintlich „Guten“.
En passant unterstreicht O’Donovan immer wieder die repressive Ignoranz von Imperien im AT, selbst wenn, wie Karl Barth unterstrich, mit Pontius Pilatus ein Vertreter des Römischen Imperiums namentlich sogar ins christliche Glaubensbekenntnis einging. Die postkoloniale Total-Dämonisierung aller Imperien ist zwar historisch längst nicht mehr haltbar. Aber eine biblische Absage an das Prinzip Imperium dürfte der aktuellen Generation von Neocons aller Länder weiterhin sauer aufstoßen. Auch die entgegengesetzte, universalistische Seite wird nicht von der Angel gelassen. Entgegen zum Beispiel einer besonders unter Theologen populären Migrationsverklärung identifiziert O’Donovan kein Migrationsideal Israels, sondern er verweist auf die tiefe Sehnsucht des biblischen Volkes nach dem gelobten (Heimat-)Land. Und das ist keineswegs nur transzendent zu deuten!
Bei der fortlaufenden Lektüre dieser Episoden wird deutlich: Ethik, praktische Weisheit sind von Liturgie nicht zu trennen. Die Lectio hören, lesen, davon die Gegenwart erhellen lassen, und zwar durch die Jahreskreise hindurch – das in-formiert das politische Leben. (Insofern korreliert die „Auflösung aller Dinge“ auch mit dem „Informationszeitalter“. Wir werden gleichsam pointilisiert durch Milliarden von digitalen Punkten.)
Israel nach Christus
Post Christum sind nicht nur das erneuerte Israel, die Kirche und der göttliche Ruf an die ganze Welt universal. Im Rückspiegel gilt das eben auch für das „alte“ Israel. Jedes Volk, so es sich in der christlichen Matrix verortet, schreibt sich zugleich in die politische Geschichte Israels ein – und vermag das auch anderen zugestehen. Jetzt hat jedes Volk ein Recht auf Land, religiöse Kultur, Sprache, usw. Auch die Palästinenser, die Juden und Iraner. Auch wir.
International läge man mit einer Form des Ethnopluralismus (um hier mal begrifflich zu provozieren) gar nicht so daneben, insofern er keine radikale Homogenität verlangt (was meines Wissens auch nur obskure Spinner tun). Wer einen derartigen Pluralismus ablehnen will, zumal, wenn er Pluralismus daheim abfeiert, müsste sich dann fragen lassen, ob er nicht einmal mehr das biblische Kind Israel mit dem christlich-universalistischen Bade ausschüttet. Pro domo jedenfalls spricht sich Oliver O’Donovan für einen christlichen Staat aus, eine Art renoviertes Christendom. Dieses hat selbst ein hohes Pluralitätspotenzial, denn hier sind Freiheit, Gewissen und Kunst wesentlich höher angesetzt als anderswo.
Dass in dieser Interpretation „Israel“ einerseits gar nichts, andererseits doch ganz und gar mit uns zu tun hat, dürfte heutzutage ungewohnt sein. Denn O’Donovans Kern-Anliegen – die politische Autorität – wird im theologischen Diskurs seit geraumer Zeit mit „dem Staat“ gleichgesetzt, zuletzt z. B. in der aktuellen Friedensschrift der EKD. Dazu fallen häufig eine politisierte, post-christliche Moral mit dem gleichzeitigem „Bekenntnis“ zu „unserer“ Demokratie in eins. O’Donovans Rekurs auf das biblische Israel als eine Wurzel politischer Theologie hingegen stemmt sich gegen solche zeitgeistig nervösen Verengungen. Nebenbei macht es noch locker für die Zukunft. Denn der Staat ist stets von vorrechtlichen Gesellschaftsformen abhängig, die erstaunlich beständig sind, auch über den Staatszerfall hinaus, und die sich im Übrigen auch nicht auf individuelle Menschenrechte reduzieren lassen.
Das Verhältnis von Volk, Staatsvolk und Staat bleibt von dieser Warte aus gesehen brisant. Mit O’Donovan kann der differenzierte Zusammenhang von Völkern und Gottesvolk als gesichert gelten, aber eben auch die Distanz beider zum modernen bürokratischen Staat. Das Volk geht ideengeschichtlich sowieso nicht im Staatsvolk auf, übrigens nicht mal bei Thomas Hobbes. Hobbes kooptierte dafür das Gottesvolk als geistigen Diener des Leviathans. Kant hingegen, um einen anderen Grundlagendenker zu nennen, entwarf den modernen Rechtsstaat in Folge seiner aufgeklärten Vernunftreligion. Die ließ das biblische Volk Israel als vermeintlich kriegerischen Anachronismus hinter sich. Sowieso beschmunzelte Kant den „Kirchenglauben“ als Pomp-Spektakel für schwächliche Geister. Ernst-Wolfgang Böckenförde war nicht überzeugt. Politische Theologie kann es auch nicht sein.
Der Staat Israel heute
O’Donovans Israel-Hermeneutik impliziert auch einiges für den Krieg im Nahen und Mittleren Osten. Was dessen christliche Interpretation angeht, schwenkt der Blick leider allzu oft zwischen deutscher Vergangenheitsbeackerung hin zu den Christian Zionists in den USA und deren Apokalyptik. Die ist mehr als problematisch, wenn es z. B. um die Erzwingung der Wiederkunft Christi mit Hilfe des Staates Israel geht. O’Donovan jedenfalls hielt sich vor dreißig Jahren schon nicht lange damit auf. Historische Ereignisse wie 1949 oder 1967, wenn auch symbolisch signifikant, sagten nichts über die Erlösung der Welt, wenn am Ende nur ein unterdrückerischer, militärischer Staat herauskomme. „Die, die Israel und Jerusalem lieben, können sich an dieser Stelle nicht mit einem leeren Motiv der Prophezeiungserfüllung zufriedengeben, sondern müssen um die Seele Jerusalems ringen, die der Frieden ist, der von ihm ausgeht und alle anderen Nationen umfasst. Der Engel, der am Jabbok ringt, muss noch immer ringen.“[1]
Vor Ort im modernen Staat Israel hat jedenfalls ein ultra-nationalistischer Konservatismus obsiegt. Das moderne Israel ist ein triple whammy aus überwiegend jüdischem Volk, Staatsvolk und religiöser Gemeinschaft, wenn auch tief zerstritten. Champions des national-konservativen Lagers wie Yoram Hazony stellen sich aus dieser Warte seit Jahren gegen einen idealistischen Internationalismus und streben regionale Hegemonie an, wovon der Iran-Krieg derzeit ein Teil ist.
In Gaza wurde die Vorstellung einer Suprematie Israels inzwischen auf die genozidale Spitze getrieben. (Aus Sicht eines Architekten dazu aktuell hier.) Es sind Diaspora-Juden wie Norman F. Finkelstein (hierzulande natürlich gecancelt), die das Genozid-Urteil aus der Perspektive des internationalen Rechts fällen – im diametralen Gegensatz zu beispielsweise Benjamin Netanyahu, der die UN einst als „Haus der Finsternis“ bezeichnete. Sicher, die UN hat sich ums eine Mal mehr desavouiert, indem sie Gaza der Trump-Kabale zur Verwertung ins Immobilien-Portfolio für eine halluzinierte „Gaza Riviera“ übergeben hat. Trotzdem: bei allem praktischen Versagen ist die international-rechtliche Dimension als solche schon im AT vorhanden. Sie bleibt weiterhin ein schwacher Vorschein auf eine geeinte Menschheit, auf Vernunft und Gewissen. Auch wenn das letztlich erst „in Christus“ erfüllt wird, haben wir schon jetzt daran Teil. Entsprechend hart müssen wir urteilen.
Vor dem Hintergrund der christlichen Interpretation sowohl des biblischen als auch modernen Israels behalten jedenfalls beide politische Optionen, die national-defensive und die internationalistische, prinzipiell ihr gutes Recht. Statt doktrinärer Haltung oder gar religiöser Stellvertreter-Kriege in europäischen Städten wäre für jede polis der möglichst unverstellte Blick aufs Hier und Jetzt gefragt. Niemand, ob Einzelner oder Staat, kann aus seiner Haut. Denn was sonst bedeutet der Moment des „transzendenten Gehorsams“, wenn nicht der schonungslose Blick auf die (eigene) Lage? Bei allem prinzipiellen Respekt für die Fähigkeit zum militärischen Durchgreifen: abseits eines vagen biblischen typos verdeutlicht The Desire of the Nations, dass „Israel“ woanders kein Ersatz für politische Autorität daheim ist. Ganz im Gegenteil: Macht, Recht, Tradition – es gibt viel zu tun.
[1] O’Donovan, The Desire of the Nations, S. 287. (Hervorhebung TF)
Therese Feiler gründete Theologia dissidens. Studium der englischen Literatur und Religionswissenschaft in Berlin und Aberdeen, Master und Promotion in Theologie an der Universität Oxford, danach Post-Docs in Oxford und München.
Bild ©Peter Feiler, Der Rosenkavalier (2023, Detail), https://peterfeiler.com/

